27.05.2017

Unverständnis - das kann doch alles nicht wahr sein?

Immer wieder gibt es diese Momente voller Unverständnis. Dann will mein Kopf einfach nicht verstehen wie das passieren konnte. Wie kann es sein das mein Sohn tot ist. Wie?

Dann kann ich es kaum glauben, fühlt es sich an als ob wir einfach immer noch auf ihn warten. Ich denke nicht dass ich jetzt im Moment schwanger von Joep bin, das ist es nicht. Aber irgendwie ist er nie zuhause angekommen und davon haben wir doch geträumt. So sehr geträumt. Und diese Träume lassen sich nur schwer vergessen, also wartet irgendwas in mir auf ihn. Auf den Moment in dem wir wieder zusammen sein können.

Sein Bett ist leer und ich will dass er endlich zuhause ankommt, in seinem Bettchen schläft, mit seinen Sachen spielt und endlich bei uns ist. Aber ich weiss auch so genau dass das niemals passieren wird. Joep wird niemals Zuhause ankommen, niemals werden all diese Zukunftsträume die ich für ihn hatte Wirklichkeit werden um dann zu Erinnerungen zu werden. Es werden immer Träume und Hoffnungen bleiben und ich verstehe einfach nicht wie das passieren konnte, wie es uns passieren konnte. Sowas passiert einem doch nicht selbst! Es kann doch nicht wahr sein dass mein perfekter kleiner Joep tot ist... Mein kleiner Mann wird niemals Zuhause ankommen und manchmal kann ich es einfach nicht verstehen. Ich weiss dass es so ist, ich begreife es, ich lebe es jeden Tag, aber verstehen kann ich es nicht.

Ich trauere um all die Momente die wir nie auf dieser Erde erleben dürfen. All die Momente die Erinnerungen hätten werden sollen und es niemals werden.

Ich hoffe dass wir irgendwann wieder zusammen sind und vielleicht werde ich es dann endlich verstehen.

26.05.2017

Regenbogenbaby

Regenbogenbaby - so nennt man die Kinder die nach dem Verlust geboren werden. Nach dem Regen und Sturm kommt wieder Sonnenschein ins Leben und mit ihm in der Natur so oft ein Regenbogen. Das ist der Gedanke hinter dem Begriff Regenbogenbaby. Der Regen und Sturm schwächt ab und lässt die Sonne ab und zu durchscheinen, genug Sonne für einen Regenbogen.

Also erwarten wir wohl unser Regenbogenbaby, aber für mich passt dieser Begriff einfach nicht. Joep ist mein Regenbogenbaby. Joep hat den Regenbogen als sein Zeichen ausgewählt und vielleicht hat er sogar gewollt dass er grosser Bruder wird und so auf lange Sicht ein Regenbogen in unserem Leben ist. Für mich ist es einfach kein Zufall dass es einen wunderschönen kompletten Regenbogen gab als Joep gerade in meinem Armen lag und um sein Leben kämpfte, einen Kampf von dem wir wussten dass er ihn bald aufgeben muss. Zwischen 2 Atempausen gab es den Regenbogen und es war seine Leiter in den Himmel. Seitdem habe ich so viele Regenbögen gesehen wie nie zuvor und das Timing war oft einfach so besonders richtig. Einmal fragte ich Joep: Wenn es dir gut geht, bitte schicke mir nächste Woche einen Regenbogen. Und schon am nächsten Tag sahen wir den ersten Regenbogen und ab dann bekamen wir jeden Tag von jemandem ein Foto der gerade einen Regenbogen sah. Drei oder vier Tage hintereinander mindest einen Regenbogen am Tag. Joep geht es gut, wo auch immer er ist. Und der Regenbogen ist sein Zeichen, Joep ist mein Regenbogenbaby.

Aber diesen Kleinen Regenbogenbaby zu nennen geht mir irgendwie doch zu weit. Wir nennen ihn beim Namen oder aber kleinen Bruder. Das ist was er ist, ein kleiner Bruder. Und ein sportlicher/aktiver noch dazu :)


22.05.2017

Nie wieder

Niemals werde ich wissen...
... wie du aussiehst wenn du lachst.
... wie deine perfekten kleinen dicken Lippen aussehen wenn sie lächeln
... wie es sich anhört wenn du Mama oder Papa sagst
... wie du aussiehst wenn du spielst
... wie du jetzt aussehen würdest
... wie gut dein Herz wirklich war
... wie es ist um mit dir am Strand zu spielen
... wieviel Unfug du gemacht hättest
... wie es ist nachts nicht zu schlafen weil du mich wach hältst
... wie gross du geworden wärst
... wie es sich anfühlt wenn du mich umarmst
... wie sich deine Stimme anhört
... wie glücklich wir hätten sein können
... wie ein Leben mit dir sein würde
... wie viele Mädchen du mit nach Hause gebracht hättest
... wie du dein Leben gemeistert hättest
... wie du nach dem Friseur aussiehst
... wie viel du gegessen hättest
... wie sportlich du gewesen wärst
... wie du als grosser Bruder wärst
... wer du geworden wärst
... was aus dir geworden wäre
... wie hübsch du geworden wärst
... wie klug du geworden wärst
... ob du genau so stark gewesen wärst wie Papa
... wie ähnlich du mir warst
... wie ähnlich du Papa warst
... wie ählich du deinen Geschwistern wärst.

Nie wieder werde ich...
... deine kleinen Finger in meiner Hand halten
... dir all die Küsse geben können die du so verdienst
... dir die Tränen aus dem Gesicht wischen
... dich im Arm halten
... dich weinen hören
... mit dir kuscheln
... dein Gewicht in meinen Händen spüren
... nicht auf Toilette gehen nur damit du noch etwas länger auf meiner Brust liegen kannst
... deine kleinen Stinkefüsse riechen
... dich in Papas Armen sehen
... in deine Augen blicken
... so glücklich sein wie ich nach deiner Geburt war
... deine weiche Haut fühlen
... dich waschen
... all die Dinge für dich tun die Mamas doch für ihre Kinder tun
... das Gefühl haben dass meine Familie komplett ist weil du immer fehlen wist.

Immer werde ich...
... dich lieben
... dich vermissen
... an dich denken
... dein Grab versorgen
... von dir erzählen.

Niemals werde ich dich vergessen!

18.05.2017

Schwesterchen? Brüderchen?


Jeder der hier wirklich mitliest weiss es schon lange.  Aber ich wollte trotzdem erzählen wie wir erfahren haben dass Joep einen kleinen Bruder bekommt und wie wir es der Familie erzählt haben.

Weil wir den Niptest gemacht haben um aus zu schließen dass der Kleine eine tödliche Chromosomenabweichung hat hatten wir in der  15. Schwangerschaftswoche einen Termin zur Blutabnahme. Bevor Blut abgenommen wird wird auch standard ein Ultraschall gemacht um zu kontrollieren ob das Baby lebt.

Wir fragten die Hebamme bevor sie den Ultraschall machte ob man denn schon sehen könne was es wird und sie verneinte. Ich bin aber nicht dumm und wusste dass man es sehr sehr oft (98%) wohl schon deutlich sehen kann. Die gute Frau wurde etwas schärfer im Ton und sagte und dass es eine medizinische Untersuchung ist, wir nicht zum Vergnügen hier sind und dass frühestens mit 18 Wochen geguckt wird welches Geschlecht das Baby hat. Rene und ich wurden also zurecht gewiesen und ich hatte das Gefühl dass wir wohl nicht den besten ersten Eindruck hinterlassen haben.

Während des Ultraschalls besserte sich die Stimmung zum Glück wieder. Wir sprachen ganz offen über Joep und den Kleinen und sie kontrollierte ob alles gut aussah. Dann ganz plötzlich war es sehr eindeutig zu sehen: Ein Junge, unter seinem Bauch sahen wir eindeutig was wir auch bei Joep sofort sahen. Sie drehte den Ultraschall sofort weg und fragte: wolltet ihr das Geschlecht noch wissen?
Ich sagte dass ich es schon weiss, dass ich gesehen habe was sie auch sah und auch Rene hatte eindeutig einen kleinen Jungen erkannt. Jetzt guckte sie doch von allen Ecken und Kanten nach und ja, der Kleine ist eindeutig ein Junge, ganz sicher.

Die Hebamme wollte gar nicht gucken aber unser kleiner Mann konnte sein Geheimnis einfach nicht für sich behalten.

Bei Joep hatten wir mit 16 Wochen eine Ultraschall um sein Geschlecht zu bestimmen und da ging es ganz ähnlich. Sie setzte den Ultraschall auf meinen Bauch und bevor sie ihn überhaupt bewegte war Joep so gut und deutlich im Bild dass sie sagte: ich sehe es schon. Rene hatte es auch schon gesehen aber ich schaute noch auf meinen Bauch wo gerade erst der Ultraschall angesetzt wurde. Schnell guckte ich auf den Bildschirm der vor uns hing und ja es war eindeutig. Joep lag da stolz und präsentierte uns sein bestes Stück.

Sein kleiner Bruder ist da kein Stück besser, auch er scheint verdammt stolz auf sein bestes Stück zu sein und hält es uns bei jedem Ultraschall ins Bild. So offensichtlich dass ich mich doch wirklich frage wie Eltern überrascht werden können von einem Sohn. Wie sehen sie das nicht schon auf dem Ultraschall? Wenn ich irgendwann mal wieder schwanger bin und mir wird nicht sofort ein kleiner Pimmel präsentiert weiss ich sofort dass ich ein Mädchen bekomme.

Wir freuten uns mehr darüber dass Joep einen kleinen Bruder bekommt als ich erwartet habe. Ich bin eine Jungen​ Mama und jetzt darf ich es auch leben. Dafür bin ich so dankbar. All seine Klamotten, sein Zimmer, alles kann bleiben wie es ist. Alles wird der Kleine tragen und der Gedanke macht mich froh. Wir waren so stolz, wieder ein Junge! Wie kann man sich so über einen Jungen freuen? Manchmal fühle ich mich richtig altmodisch, Jungs sind für mich besser als Mädchen. Das ist schon lustig. Versteht mich nicht falsch, ein Mädchen wäre wirklich sehr willkommen gewesen und das nächste soll auch bitte eins werden. Aber jetzt fühlt sich ein Junge einfach unglaublich richtig an. Als ob wir es verdienen wieder einen Sohn zu bekommen. Meine ganze Schwangerschaft dachte ich alles verläuft genau wie bei Joep. Ich fühlte dass es ein Junge wird aber etwas in mir war skeptisch, es hätte ja auch einfach der Wunsch sein können und keine Intuition. Auch bei Joep war ich mir von anfang an sicher dass er ein Junge ist.
Genau wie der Kleine konnten und wollten auch Mama und Papa das Geheimnis nicht lange für sich behalten. Noch am gleichen Tag habe ich eine Karte gemacht. Eigentlich zwei, es ist die gleiche Karte aber in zwei Sprachen.

Auf der ersten Seite steht ein Foto von Joep und darunter der Text: Bekomme ich eine Schwester oder einen Bruder? Innen ist dann alles in Babyblau und steht: Mama und Papa sagen dass ich einen kleinen Bruder bekomme.

Es auf diese Art und Weise zu erzählen fühlte sich richtig an. Die Karten wurden mit der Post verschickt und sollte bei allen am gleichen Tag ankommen. Ich hätte Joepi so gerne erzählen lassen dass er einen Bruder bekommt, aber das geht nicht. Auf diese Art und Weise konnten wir Joep erzählen lassen dass er einen kleinen Bruder bekommt und weiss ich dass die Karte und somit Joeps Foto bei allen zuhause steht. Sein kleines hübsches Gesicht ist noch einmal überall zu sehen! 

17.05.2017

Hoffnung, Trauer und Glück

Wenn ich das letzte Jahr beschreiben muss dann ist wohl das Wort Trauer das Wort das am besten auf alles zutrifft. Die Trauer hat einfach alles in meinem Leben bestimmt, jeder Schritt den ich gesetzt habe wurde von Trauer begleitet.

Trauer die so heftig und intensiv war, ich hätte mir nie träumen lassen dass man sich so fühlen kann. Nicht ohne krank zu sein. Trauer ist keine Krankheit und doch kann man es wohl wenn überhaupt nur mit einem Burnout oder einer Depression vergleichen? Menschen die ihr Kind nicht verloren haben können sich einfach nichts darunter vorstellen. 

Der einzige Grund zu kämpfen war mein Versprechen an Joep dass ich alles dafür tun werde wieder glücklich zu werden. Ich kannte von Anfang an den einzigen Weg der für mich in Frage kam: ein Geschwisterchen. Es war von Anfang an klar dass Rene und ich zusammen bleiben und dass wir noch mehr Kinder wollen. So kam zu all der Trauer auch ab und zu die Hoffnung. Die Hoffnung wie es wohl sein wird wenn wir wieder ein Kind haben? Ob wir dann wieder glücklich sein können?

Glück war ein Gefühl dass ich lange nicht gefühlt habe, von dem ich vergessen hatte wie es sich anfühlt. Wir haben noch jeden Tag gelacht aber Lachen macht nicht glücklich, Lachen ist keine Medizin, nicht für Trauer. Man kann lachen und in der Sekunde in der man aufhört zu lachen ist auch wieder alles vorbei. Dann ist man wieder traurig, so unendlich traurig. Lachen und Weinen gehörten so zu meinem Leben wie Atmen und Aufstehen. 

Ein wenig Glück konnte ich erst fühlen als ich wieder 12 Wochen schwanger war und alles gut aussah. Erst da fühlte ich zum ersten mal Glück und realisierte ich dass es neben der Trauer und der Hoffnung jetzt auch wieder ein wenig Glück in meinem Leben gibt. Die Hoffnung wurde viel intensiver, denn es sieht endlich alles danach aus dass unser Ziel im Oktober Wirklichkeit wird. Es ist noch selten aber ab und zu fühle ich Glück und das macht alles doch einfach viel einfacher. Es scheint auch die Mamakraft die ich so vermisst habe wieder zu wecken. Für diesen kleinen Mann kann und werde ich alles tun. Er wird der glücklichste kleine Junge. Bestimmt schrecklich verwöhnt aber wir verdienen es unser Kind zu verwöhnen... Er wird auch sicher gut erzogen werden, nicht verzogen. Aber er wird wohl in den ersten Jahren alles bekommen was uns glücklich macht. Und wenn ich daran denke dann schreibe ich das mit einem Lächeln auf meinen Lippen. Ihn glücklich zu machen ist mein höchstes Ziel. Ich konnte Joep nicht glücklich machen und jetzt bekommt er die doppelte Liebe. All die Liebe die ich für Joep fühle die ich aber nicht geben kann und all die Liebe die ich für ihn empfinde. Er wird sich niemals fragen müssen ob er geliebt wird. Er wird sehen dass er unser grösstes Glück ist.

Trauer bestimmt noch immer mein Leben, das ist wohl die Wahrheit. Aber die Trauer ist nicht mehr zu vergleichen mit der Trauer die ich noch vor einem Jahr fühlte. Trauer wird wohl für immer ein Teil von mir sein und das finde ich auch richtig so. Solang wir neben der Trauer auch Glück erfahren dürfen. 

Uns geht es wirklich besser. Wir haben mehr Energie, können mehr unternehmen. Aber wir sind noch lange nicht wo wir waren. Irgendwann werden wir wieder genau so viel Energie haben wie damals und darauf freuen wir uns.

wir sehen nicht mehr so schlecht aus wie letztes Jahr. Wir sind zuversichtlich dass wir auf Fotos irgendwann auch wieder so glücklich aussehen wie früher!



Ist es dein erstes Kind?

Schon lange bevor ich wieder schwanger war wusste ich dass diese Frage kommen wird. Man wird nur sehr selten gefragt ob man Kinder hat in meinem Alter. Dazu kommt dass viele Leute finden dass ich jünger aussehe. Gestern bin ich 30 geworden und ein paar Freunde waren richtig schockiert dass ich älter bin als sie.

Im letzten Jahr fragte mich also niemand ob ich Kinder habe, Menschen die nicht von Joep wussten hatten keine Ahnung und die Frage schien so unnötig zu sein. Aber jetzt bin ich wieder schwanger und mein Bauch ist da. Man sieht es mir an, ich bekomme ein Kind. Gestern waren wir in der Stadt und haben Klamotten für Rene gekauft (natürlich erst nachdem ich neue Schuhe zum Geburtstag bekommen habe) als die Verkäuferin mich an der Kasse fragte wie weit ich denn sei. Ich sagte ihr dass wir Halbzeit haben, 20 Wochen. Die nächste Frage war ob wir denn schon wüssten was es wird, ich sagte ihr stolz dass es ein Junge wird und habe nicht einmal daran gedacht dass da noch eine Frage auf mich wartet. Doch sie kam sofort hinterher: Ist es dein erstes Kind? Ich sagte ihr nein, es ist mein zweites und sie strahlte mich an. Ich strahlte nicht mehr und ganz automatisch sagte ich ihr dass mein Erster gestorben ist.

Es war gar keine Frage ob ich es vielleicht nicht sagte. Ich weiss dass sie das sicher nicht erwartet hat und sie hat einfach gut reagiert, war sichtlich geschockt und das reicht mir wirklich schon. Sie wünschte uns ganz viel Glück dass dieses Mal alles gut geht und in dem Moment kam Rene zur Kasse gelaufen und wechselte das Thema ohne zu ahnen dass wir gerade über Joep sprachen. Ob sie erleichtert war oder nicht war ihr nicht an zu sehen aber es war okay. Die Stimmung war nicht schlecht oder so, ich durfte es erzählen und ich hatte nicht das Gefühl gerade ein no go begangnen zu haben.

Aber es ließ mich nachdenken. Wie machen andere das? Ist es normal sofort zu erzählen dass Joep tot ist? Ihr Strahlen hat mich dazu veranlasst zu sagen dass halt nicht alles rosa rot ist. Sie sah einfach aus als freute sie sich für mein perfektes Leben und ich bin zu offen und zu ehrlich um das so stehen zu lassen. Für mich würde es sich anfühlen als ob ich Joep verleugnen würde. Er ist da, er ist die Liebe meines Lebens, aber er ist halt auch nicht da. Joeps Geschichte erzählt sich so schnell: "Mein Erster ist gestorben..." Am liebsten würde ich hinterher sagen dass er gross und stark und perfekt war aber das ist nicht wirklich nötig. Ich will halt nicht dass sie denken dass es eine Fehlgeburt war. Aber die Leute sollen denken was sie wollen. Joep war perfekt, das wissen wir und jeder der uns kennt.

Die Frage wird wohl noch oft kommen und ich bin gespannt wie ich das nächste Mal reagiere. Ich denke dass ich immer sagen würde dass es mein zweites Kind ist. Aber ob ich auch jedes Mal sage dass Joep tot ist? Ich denke schon, allein schon um dieses beglückwünschende Grinsen aus ihrem Gesicht zu bekommen. Aber vielleicht tut mir das das nächste Mal ja auch gerade gut... Ich habe zwei Söhne, ich bin stolz und laufe vor Liebe über! Ich lächle auch oft bei dem Gedanken an meine Jungs.

15.05.2017

Ich bin nicht stolz auf mich

Diese Woche wurde mir plötzlich bewusst dass ich nicht stolz auf mich bin. Ich weiss ich habe alles Recht der Welt stolz auf mich zu sein. Was ich im letzten Jahr geschafft und überwunden habe, mein Kampf zurück ins Leben. So einen Kampf kämpfen die meisten Menschen ihr ganzes Leben nicht.
Ich arbeite 32-40 Stunden die Woche, meine Wohnung ist immer sauber, wir kochen regelmässig. Vor einem Jahr war das alles unmöglich, da war duschen und zu Joep gehen eine Tagesaufgabe die ich oft nur gerade so schaffte.

Und als dann eine Mama (Noahs Mama, Noah durfte leider nur ein halbes Jahr alt werden) die ich vor ein paar Wochen kennen gelernt habe zu mir sagte dass sie wirklich stolz auf sich selbst ist war das erste was ich dachte: "Ja, ich bin auch stolz auf sie." Und gleich hinterher dachte ich: "Aber ich bin nicht stolz auf mich."

Warum weiss ich dass ich stolz sein kann aber ich fühle es nicht? Weil ich noch nicht bin wo ich war. Wenn ich  mein jetziges Leben mit meinem früheren Leben vergleiche dann kann ich so viel viel weniger als damals. Damals war ich stolz auf mich, aber heute bin ich es nicht mehr und das obwohl ich im letzten Jahr mehr erreicht und geschafft habe als jemals zuvor in meinem Leben. Ich habe das Schlimmste auf der Welt überlebt, wir haben gekämpft und gewonnen. Wir haben etwas überlebt wovon ich nicht wusste wie wir es überleben sollten.

Jeder sagt mir ich kann stolz auf mich sein, Menschen sind stolz auf mich, aber ich kann nicht stolz auf mich selbst sein. Ich bin so unendlich stolz auf Rene, auf Joep und den Kleinen der so gut wächst. Aber auf mich selbst kann ich noch nicht stolz sein. Nicht auf das Gesamtpacket Imke. Ich bin einfach noch nicht gut genug, ich bin zu kritisch. Ich war immer kritisch, auch mir selbst gegenüber aber früher war ich gut genug. Heute bin ich das nicht mehr und diese Erkenntnis erschreckt mich.

Meine Messlatte liegt zu hoch, ich verstehe das und weiss dass es falsch ist aber ich kann es nicht ändern. Ich denke dass solang ich weiss und fühle dass ich es gut mache bin ich auf dem richtigen Weg. Irgendwann werde ich wieder stolz auf mich sein. Aber jetzt weiss ich noch nicht wie ich stolz auf etwas sein soll dass ich doch nie wollte. Es ist passiert, es war nicht meine Wahl... Der Schmerz ist noch zu stark und lässt es einfach nicht zu dass ich stolz sein kann.

Ich werde stolz sein wenn ich wieder etwas erreiche dass ich früher noch nicht erreicht habe. Ich werde stolz sein wenn ich eine gute Mama bin für Joeps kleinen Bruder. Ich werde stolz sein wenn wir Sachen schaffen die wir früher schon planten.

Muttertag

Gestern war zum zweiten Mal Muttertag. Zum zweiten mal bin ich Mama aber irgendwie halt auch nicht. Es hätte ein besonderer Tag für mich werden sollen. Mit Frühstück im Bett, Blumen und dieses Jahr sogar mit einer Zeichnung die Joep für mich gemacht hätte.

Zum 2. Mal hatte ich keinen Muttertag. Letztes Jahr wollte ich nichts von Muttertag wissen. Mir ging es schlecht. Joep war noch keine drei Monate tot und ich wusste nicht wie ich es aus meinem Bett schaffen sollte. Jede Erinnerung an Muttertag tat einfach nur weh und ich wollte den Tag ausblenden.

Meinen Eltern hatte ich vorher gesagt dass ich Mutter und Vatertag komplett ausfallen lassen, ich sah dass sie es traurig fanden aber verstanden. Auch dieses Jahr habe ich es komplett ausfallen lassen. Ich gratulierte nicht mal, Rene gratulierte nicht. Mein Plan war Muttertag zu ignorieren also sagte ich zu Rene dass ich NICHTS will.

Dieses Jahr schaffte ich es zeitig auf zu stehen, ich hatte Energie, es ging mir okay und ich war dankbar dass es okay sein durfte. Unter der Dusche dachte ich dann dass es nicht richtig war gar nichts zu wollen. Es ist Muttertag, ich bin Mama! Ich habe zwei Söhne, einen in meinem Bauch und einen auf dem Friedhof und ganz tief in meinem Herzen. Ich rief Rene zu mir und sagte dass ich doch Blumen wollte. Ich wollte zwei Blumensträusse: Einen grossen für mich und einen kleinen für Joep. Es sollte der gleiche Strauss sein, einfach etwas kleiner. Jetzt steht also in meinem Wohnzimmer ein wunderschöner weiss gelber Blumenstrauss und den gleichen haben wir später noch zu Joep gebracht. Wir haben sein Grab wieder aufgeräumt, sauber gemacht und alles ordentlich hingestellt. Ich habe ihm erklärt was für ein Tag es ist und ihm gesagt wie sehr wir ihn lieben. 

Gestern ging es mir überraschend gut. Vorgestern war ein Gedenkdienst im LUMC, gestern war Muttertag, heute ist der 15 (Joep, du wärst jetzt 15 Monate alt) und morgen werde ich 30. Es sind Tage die alle so anders hätten sein sollen und das tut weh... Aber tagsüber ging es uns recht okay. Wir gingen zu Joep und ein Stückchen spazieren. Abends ging es Rene schlecht, er war so wütend auf alles und sagte er wolle schreien aber konnte es nicht, er wolle etwas kaputt hauen aber er konnte es nicht. Also sagte ich ihm dass wir raus gehen können, zum Skatepark. Das taten wir, Rene konnte sich auspowern und es ging ihm danach wieder etwas besser.

Aber abends brauchte er Zeit für sich und die gab ich ihm. Ich konnte nicht einschlafen, schaute Netflix und irgendwann war es so spät dass ich den TV ausgemacht habe. Plötzlich brach dann alles über mich hinein. Rene kam sofort angelaufen als er mich weinen hörte. Ich weinte nicht, ich heulte mir wirklich die Seele aus dem Leib. Trauer kann so weh tun, richtig körperlich weh tun. Ich hatte Schmerzen, ich bekam keine Luft, ich atmete zu kurz und abgehackt, ich schluchzte.... Ich dachte ich will das nicht, ich kann das nicht. Warum wir? Warum ich? Warum mein Joep? Rene hielt mich fest und versuchte mich zu trösten, ich beruhigte mich erst als der Kleine in meinem Bauch aktiv wurde, ich legte meine Hand auf meinen Bauch und wurde etwas ruhiger. Sein erstes Muttertagsgeschenk.

Es war Muttertag und ich weinte mich in den Schlaf. Ein Tag der so anders hätte sein müssen, wir feierten Muttertag am Grab unseres Kindes. 

09.05.2017

Let it go...

Schon früher fand ich es schwierig um bestimmte Dinge gehen zu lassen. Ich kann ungerechtes Verhalten und Dummheit einfach wirklich schlecht ertragen und dann frustriert es mich so sehr.

Aber gerade jetzt merke ich dass ich es noch schwerer habe und dass es mich stört dass ich es nicht kann. Es wäre viel besser für mich wenn ich es einfach gehen lassen könnte. Mich nicht Stunden lang schlecht fühlen würde nur weil jmd etwas Verletztendes und Dummes gesagt hat.

Aber ich kann es nicht. Meine Konzentration ist weg und die Frustration lässt mich einfach nicht los.

Wenn jmd doch nicht versteht wie es mir geht, warum kann er/sie mich dann nicht einfach in Ruhe lassen... Muss ich diese Menschen denn echt alle komplett aus meinem Leben entfernen? Sie ignorieren? Und was mache ich in diesem Fall in dem es meine Kollegin ist die heute schon zum 3. mal in einer Woche etwas rausgehauen hat das ich einfach nicht loslassen kann...

Wie kann denn eine Frau mit erwachsenen Kindern mir erzählen dass ich schon noch sehen werde wie es ist wenn ich nachher keine Zeit mehr für mich selbst habe und wie schlimm es werden wird wenn ich die Nächte nicht mehr durchschlafen kann? Und als ob das nicht genug ist erzählt sie es auch noch lachend und betont dann nochmal dass sie nicht weiss wie sie die 3 Jahre ohne Schlaf ÜBERLEBT hat als ihre Kinder klein waren.

Und genau in dem Moment fing das Meeting an und ich konnte nichts mehr dazu sagen... Wie überlebe ich denn bitte die Zeit in der ich schlaflose Nächte haben müsste ich aber nie geweckt werde? Ich maximal das Baby der Nachbarn weinen höre. Hat sie eine Sekunde daran gedacht? Ist das nicht wirklich viel schwerer zu überleben? Jammere ich denn darüber? Nein... Jammer ich in 20 Jahren noch darüber? Nein... Wieviele Mütter wollen sterben nachdem ihr Kind gestorben ist und wie viele wollen sterben weil ihr Kind nachts weint... Ich kenne die Studien nicht aber die Antwort scheint mir so eindeutig.

Oh man sie treibt mich in den Wahnsinn und ich kann es einfach nicht los lassen... Ein Ventil das oft hilft ist dieser Blog, meine Frustration aufschreiben und online stellen. Auf diese Art und Weise kann ich manche Sachen gehen lassen. Manchmal geht es mir danach besser, vielleicht ja auch jetzt?
Let it go... Leichter gesagt als getan!

ICH LIEBE JOEP! Ich könnte als die Zeit der Frustration so viel besser und positiver verbringen indem ich an Joep denke, meine lieber hübscher perfekter Sohn.

08.05.2017

Sachen die ich die letzten Wochen lieber nicht gehört hätte

Dass Menschen in meiner Umgebung mich nicht verstehen können daran habe ich mich mittlerweile wirklich gewöhnt aber in den letzten paar Wochen habe ich doch ein paar Sachen gehört die ich lieber nicht gehört hätte, einfach weil sie so deutlich machen dass ich wirklich nicht verstanden werde. Und das obwohl ich mir so viel Mühe gebe mich und meine Gefühle zu erklären.

Letztens versuchte ich zu erklären dass ich in meiner Situation keinen Stress brauchen kann und ich ihn auch auf der Arbeit nicht akzeptieren und bekam dann als Reaktion ein: "davon geht die Welt nicht unter".  Ein Schlag ins Gesicht, noch nicht Mal ein subtieler. OK du verstehst es also nicht. Extra Stress kann dafür sorgen dass es sich halt wohl so anfühlt als ob meine Welt zusammen stürzt. Kann dafür sorgen dass es mir schlechter geht und es geht mir wirklich schlecht genug. Warum sollte ich zulassen dass es mir noch schlechter geht? Aber das versuchte ich gar nicht mehr zu erklären. Ich sagte nur: 'ja das sagst du so einfach...' Und entschied mich darüber hinweg zu sehen. Ich kenne ihn gut genug um zu wissen dass er mich nicht verletzen wollte und ich hatte in dem Moment nicht die Energie um mich zu verteidigen.  Es war eine Kleinigkeit über die ich hinwegsehen kann.

Heute hörte ich auf der Arbeit dass der Sohn eines Kollegens Epilepsie hat und es wurde über die Medikamente gesprochen. Sofort sass ich wieder neben Joep im Krankenhaus und hatte Tränen in den Augen. Niemand merkte es, aber ich dachte daran dass Joep auch diese Medikamente bekam und nichts genug war... Wie lange es dauerte bis er keine epileptischen Anfälle mehr hatte. Ich lebte in meiner Welt und war traurig. Später rede ich mit einer Kollegin darüber dass diese kurze Information doch so eingeschlagen hat und ich deswegen so in mich gekehrt war. Ihre Reaktion war so anders als ich erwarten konnte und diesmal habe ich es wohl versucht zu erklären. Sie sagte: "Imke, du musst verstehen dass es sein Kind ist, Joep ist nicht dieses Kind."

Bitte was? Was um alles in der Welt hat sie dazu bewogen das zu sagen? Niemals, nicht eine Sekunde habe ich gedacht dass es in dem Gespräch um mein Kind ging. Warum​ würde ich? Ich weiss das Joep tot ist, dass er mein Sohn ist und nicht der eines anderen. Ich suche ihn nicht in anderen, ich weiss dass er nicht mehr da ist.

Also versuchte ich ihr zu erklären dass es mich in die Zeit zurückversetzt hat die ich mit Joep hatte aber ob sie es verstanden hat. Scheinbar denkt sie ich bin halb verrückt oder so... Oder denkt dass sie selbst so denken würde? Ich weiss es nicht. Ich weiss nicht warum sie dachte das sagen zu müssen, ich weiss nur dass sie nichts versteht.

Vor ein paar Tagen gab sie mir auch den Tipp dass dieses Baby nicht Joep ist und ich es auch nicht zu sehr mit ihm vergleichen soll. Sie ist nicht die einzige die der Meinung ist mir das ans Herz legen zu müssen. Scheinbar strahle ich etwas aus wodurch Menschen denken dass ich Joep ersetzen will. Nichts ist weniger wahr. Niemand wird Joep ersetzen, das ist unmöglich. Joep ist eine eigenständige Person, all meine Kinder werden eigenständige Personen sein.

Das weiss ich, das muss mir niemand erklären. Und natürlich schaue ich mir andere Kinder an und denke dass Joep vielleicht genauso geworden wäre und das werde ich wohl auch bei seinem Bruder machen. Ich weiss nicht wie Joep gewesen wäre, wie er aussehen würde. Aber ich weiss das es nichts schlechtes ist sich vor zu stellen wie er jetzt wohl wäre und wie er dazu gehören würde.

Ich war vorher nur einmal Schwanger und sah nur ein Kind auf dem Ultraschall und natürlich vergleiche ich die beiden. Aber tun das nicht alle Eltern? Und ich habe nicht entschieden dass der kleine auf dem Ultraschall das exakt gleiche Profil hat. Die gleiche Nase, die dicken Lippen... Wenn ich das stolz erzähle dann nicht weil ich denke dass ich wieder von Joep Schwanger bin sondern weil ich stolz bin, es ist sein Bruder, natürlich sieht er ihm ähnlich. Das ist für mich ein wunderschönes Geschenk. Mehr nicht, ich glaube nicht an Reinkarnation, ich denke nicht dass Joep zurück kommt.

Das versteht man wohl nur wenn man fühlt was wir fühlen. Dieses Kind wird NIE darunter leiden dass es einen grossen Bruder hat. Es kann ihn nicht ersetzen und das soll es auch nicht. Es wird die doppelte Liebe bekommen, Joeps liebe kann ich nicht schenken also bekommt dieses Kind die noch oben drauf.

05.05.2017

Das erst mal wieder Glück fühlen

Das letzte Mal glücklich waren wir als Joep noch lebte. Mit Joep verschwand auch alles Glück aus unserem Leben. Niemals hätte ich mir träumen lassen dass man vergessen kann wie Glück sich anfühlt.

Glück gehörte zu unserem Leben und auf einmal was jegliches Glücksgefühl verschwunden. Monatelang, ja sogar mehr als 1 Jahr lang fühlte ich kein Glück.

Nach dem positiven Schwangerschaftstest im Dezember war ich für eine kurze Sekunde enthousiast aber glücklich war ich nicht. Zu Recht denn kurze Zeit später verlor ich das Baby, ich ahnte es damals sofort und somit wich der Enthusiasmus bevor er Glück werden konnte für eine Art Nüchternheit die nicht zu mir passte. Erst sehen dann glauben war das Motto.

Im Januar dann unser größtes Glück, wieder schwanger, diesmal ohne Blutung. Enthousiast ja, aber Glück gab es nicht. Die Nüchternheit und Angst machte sich breit und das erste Trimester war wohl das Gegenteil von glücklich. Ich fühlte mich richtig depressief und hatte ständig Angst auch dieses Baby zu verlieren.

Diese Angst wich erst als ich in der 13. SSW einen Ultraschall​ hatte und alles wirklich gut aussah. Abends gingen wir etwas essen und plötzlich fühlte ich einen kurzen Moment so viel Erleichterung und ein wenig Glück. Alles wird wieder okay...

Ich erschrak richtig. So fühlt sich Glück also an. Ich sagte Rene dass ich mich glücklich fühlte und während ich die Worte sprach verschwand das Gefühl wieder. Auf einmal verstand ich was gerade passiert war und mir wurde bewusst  dass ich schon über ein Jahr nicht mehr glücklich war, dass ich vergessen hatte wie es sich anfühlt.

Es war so traurig dass ich anfing zu weinen, ich hatte vergessen wie sich Glück anfühlt. Wie kann ein Mensch so lange ohne jegliches Glücksgefühl überleben?

Seitdem gibt es immer Mal wieder kurze Momente in denen ich Glück fühlen kann. Ich bin stolz auf den kleinen und bei jedem Ultraschall bin ich so verliebt in ihn.  Aber jedes Mal wenn ich Glück fühlen kann wird mir auch wieder bewusst wie selten und besonders es ist und dann denke ich daran wie anders es hätte sein müssen. Ich brauchte nie viel zum glücklich sein, jetzt werde ich wohl nie mehr haben was ich wirklich brauche und richtig glücklich zu sein. Joep wird uns immer fehlen.

04.05.2017

Der impact des Februars

Lieber Joep,

vor deinem Geburtstag hatte ich Angst. Wie wird es es wohl sein, von allen hörte ich dass die Anlaufzeit das schlimmste ist, dass der Tag selbst weniger schlimm ist.

Bei uns war das anders. Mama und Papa waren überrascht dass es ihnen eine Woche vor deinem Geburtstag noch so gut ging. Erst kurz vor deinem Geburtstag merkten wir dass es alles wohl doch schwerer werden wird als erwartet. Wir sind vollkommen ohne Erwartungen in die Woche deines Geburtstages gestartet, wir wussten nicht was uns erwarten würde und wir wollten uns selbst nicht verrückt machen.

Dein Geburtstag selbst war ein verrückter Tag. Ich war stolz auf dich und oft so glücklich. Dein Grab war wunderschön und gleichzeitig lag dieser Schatten über uns der sich langsam ausbreitete.

In deiner Woche konnte ich nicht arbeiten, wie Papa das geschafft hat wissen wir auch nicht, du hast ihm wohl all deine Kraft geschenkt. Auch deine Geburtstagsfeier haben wir irgendwie überstanden obwohl es mich störte das viel zu wenig über dich gesprochen wurde. Es war doch deine Feier... Aber ich kann die Menschen schlecht zwingen, ich will dass sie über dich reden weil sie es wollen, nicht weil sie es müssen.

Lieber Joep, so richtig schlecht ging es uns erst in den Wochen danach. Ich schaffte es nicht mehr meine Stunden arbeiten und darum habe ich weniger gearbeitet. Ich fühlte mich richtig depressief und ich konnte mich gar nicht mehr über deinen kleinen Bruder freuen. Ich fühlte mich krank und kraftlos und nichts und niemand konnte das verändern. Es dauerte Wochen bis es wieder etwas besser ging, bis ich wieder über die neue Schwangerschaft reden konnte. Ich wollte das noch niemand es weiss aber deine Oma hat es allen erzählt und da fühlte ich mich gezwungen es auch meiner Familie und Freunden zu erzählen. Es wussten Leute dass du grosser Bruder wirst die ich nicht Mal richtig kenne aber meine Familie und Freunde wussten noch von nichts. Also erzählte ich es viel zu früh noch im ersten Trimester, wir waren noch gar nicht bereit. In meinem Kopf warst nur du. Du lebtest in meinen Gedanken, ich dachte immer an dich. Deinen kleinen Bruder... Es war als gäbe es ihn noch nicht, mein Gehirn blendete die Schwangerschaft oft aus und wenn jmd fragte wie die Schwangerschaft läuft erschrak ich.
Wir schafften es nicht mehr zu kochen, aufstehen war oft schon zu schwer. Zur Arbeit gehen erschien unmöglich. Trotzdem gingen wir. Die meiste Zeit im März ging es uns richtig schlecht, es war wie eine Reise in der Zeit aber dann nicht weit genug. Ich konnte nicht bei dir sein aber ich fühlte mich wieder wie kurz nachdem du gestorben bist.

Erst Ende März ging es uns wieder etwas besser. Nie hätten wir gedacht dass der Februar so viel Impact auf uns haben würde. Aber was wissen wir. Wir lernen jeden Tag wieder etwas dazu lieber Joep. Trauern bedeutet lernen, Mama und Papa müssen lernen wer sie sind, wir kennen uns selbst nicht und wissen nicht mehr was wir können. Verrückt oder? Wir wussten das früher doch so genau...

01.05.2017

Wut

Und plötzlich ist sie da. Diese Wut die aus Verzweiflung entstand.

Heute war einfach alles zu viel, ich kann nicht mehr. Ich weine, ich bin verzweifelt. Ich will nicht ohne Joep. Ich kann nicht ohne Joep. Trotzdem muss ich, ich habe keine Wahl und kann nicht aufhören zu weinen.

In mir wächst die Verzweiflung ins unermessliche und ich werde so wütend. Auf alles, ich will die ganze verdammte Welt in Stücke schlagen, schreien.

Ich brauche ein Ventil aber da ist keins. Ich kann nur weinen. Weinen weil ich das Schönste und Liebste auf der Welt verloren habe. Also laufe ich weinend weg von Joeps Grab und werfe die verdammte leere Flasche Wasser so hart wie ich nur kann in den verkackten Mülleimer und will schreien.

Ich schreie aber nicht. Ich bin auf dem Friedhof, ein Ort der Ruhe und die Ruhe bringt mich um den Verstand. Es ist spät, 20 vor 9, niemand ist hier und trotzdem schreie ich nicht. Auch wenn ich jetzt nach Hause fahre kann ich nicht schreien. Verdammtes Appartement mit den verdammten Nachbarn die ich nicht stören will, nicht stören kann. Meine Kehle ist wie zugeschnürt, ausser schluchzen kommt nichts.

Also fahre ich nach Hause und werde mich wohl weinend ins Bett legen, mich in den Schlaf weinen und hoffen dass es morgen besser ist.

Wut passt nicht zu mir, ich bin nicht oft wütend. Aber manchmal bin ich es, solche Momente wie jetzt kann ich wohl an einer Hand abzählen... Damn ich hasse diese verdammte Welt mit ihrem ganzen Scheiss gerade so. Es ist ein schlechter Ort der sich so schlecht anfühlen kann. Als ob alles Glück aus mir und der Welt rausgesaugt wurde.

Jetzt fahre ich nach Hause und hoffe dass ich keinen Nachbarn treffe. Ich kann einfach nichts mehr haben. Ich kann nicht mehr tun als sei alles okay. Ich will niemand sehen, niemanden sprechen.

Meine Wut und ich müssen das jetzt alleine ausmachen...

Wenn dein eigenes Kind das aller Schönste ist

Nachdem Joep starb realisierte ich erst wie schön er eigentlich war. Jedes Mal wenn ich draussen ein Kind sah konnte ich nur denken dass Joep so viel schöner war. Mir wurde bewusst dass er nicht einfach nur schön war sondern wirklich der Schönste war.

Plötzlich waren Kinder nicht mehr niedlich wenn sie nicht hübsch waren. Irgendwie waren sie vor allem nicht hübsch. Denn alles was Joep uns über sich zeigen konnte war seine Schönheit und Stärke. Also verglich ich ihn genau so mit anderen Kindern. Andere Kinder können so viel was er nie können wird aber nur wenige können so hübsch sein. Und es macht mich so stolz, ich verstehe bis heute nicht warum ausgerechnet unser Sohn so hübsch war. Rene und ich sind sicher nicht hässlich aber bei weitem nicht so hübsch wie Joep. Er ist halt unser kleines Wunder.

Manchmal habe ich Angst dass ich das nur denke weil ich seine Mama bin. Jede Mama findet ihr Kind doch am aller schönsten. Aber dann versichern mir auch andere dass Joep auch objektiv betrachtet außergewöhnlich hübsch war. Und ich entscheide mich dazu ihnen zu glauben. Ja meiner war wirklich hübsch.

Letztens sagte ich zu Rene dass ich hoffe dass sein kleiner Bruder auch hübsch wird. Aber er soll auf keinen Fall noch hübscher werden. Hübscher als Joep war bis jetzt kein Baby das in unserem Umfeld geboren wurde und das soll  bitte so bleiben.

Rene lachte mich fast aus und sagte ich soll realistisch sein. Joep war der Jackpot in Sachen Schönheit. Mehr haben wir nicht zu bieten, ob ich uns selbst denn schonmal richtig angeguckt habe. Und es beruhigte mich. Ja, Joep hatte wirklich nur das Beste von uns. Wie soll der kleine denn noch hübscher werden... Das ist einfach unrealistisch.

26.04.2017

Puzzelstücke

Nachdem Joep gestorben ist überkam mich das Gefühl dass ich viel zu wenig über ihn weiß und ich hatte Angst dass ich auch nur eine Kleinigkeit vergessen könnte.

Ganz unbewusst fing ich an alles zu sammeln was mit Joep zu tun hatte. Ich fing damit an jede Sekunde seines Lebens auf zu schreiben. Die Woche mit Joep ging so unfassbar schnell und es passierte  so unglaublich viel in kurzer Zeit. Noch erinnerte mich an jedes Detail aber für wie lang noch?

Joep starb in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch. Mittwoch morgen kamen wir wieder zuhause an und fingen an seine Beerdigung zu planen. Donnerstag morgen setzte ich mich sofort hinter meinen Laptop und fing an wie besessen zu schreiben. Ich schrieb Stunden lang, Tage lang. Zwischendurch planten wir seine Beerdigung und versuchten zu überleben.

Joeps Tagebuch entstand und mit diesem Tagebuch entstand dieser Blog. Ohne es zu wissen hatte ich eins der ersten Puzzelstücke aus Joeps kurzen Leben gesammelt. Die nächsten Wochen trieb mich die Suche nach allen Puzzelstücken voran.

Ich bekam von der Hebamme den Bericht über die Geburt den ich gelesen habe obwohl ich kaum etwas davon verstand. Noch ein Puzzelstück das ich gefunden habe.

Außerdem nahm ich Kontakt auf mit dem Klinikum in dem Joep sein kurzes Leben gelebt hat und fragte ob ich seine Krankenakte haben konnte. Auch die kam Wochen später mit der Post an. Bis heute habe ich sie nicht gelesen aber wenn ich irgendwann das Bedürfnis habe dann weiß ich dass ich sie hier habe und ich alles noch einmal nachlesen kann.

Joep bekam eine Versichertenkarte und wir hatten die Papiere von der Anmeldung bei der Gemeinde. Alles Puzzelstücke die ich sammelte.

Natürlich haben wir auch all die Fotos und Videos von Joep die wohl unsere schönste Erinnerung an Joep sind, sie halten ihn in unserer Erinnerung lebendig und durch diese Fotos und Videos kann auch der Rest der Welt Joep kennen lernen. Sie zählen sicher zu den Puzzelstücken.

Aber auch die Aufnahme seines Herzschlages die ich selbst von meinem Handy löschte als ich mein Handy verkaufte war ein Puzzelstück dass fast verloren gegangen ist. Ich wusste ich hatte seinen Herzton via Whatsapp verschickt aber niemand schien ihn mehr zu haben. Letztendlich ist es meiner Mutter gelungen (mit viel Hilfe von Google, mir und meinen Schwestern) die Aufnahmen auf ihrem Handy in irgendeinem unbekannten Archief zu finden. Ich bin so dankbar dass ich diese Aufnahmen wieder habe, sonst hätte ich nie wieder sein Herz schlagen können hören.

Bei all den Ultraschalluntersuchungen bekamen wir Fotos auf einem USB Stick mit nach Hause wodurch wir auch von diesen Untersuchungen viele Erinnerungen haben. Ein Glück denn als ich die Hebamme fragte ob sie evtl noch Aufnahmen von seinem Herzen habe wurde mir gesagt dass solche Aufnahmen nicht gespeichert werden.

Ich suchte und sammelte überall und irgendwann hatte ich das Gefühl dass ich alle Stücke gefunden hatte und dass ich Joeps Leben komplett hier zuhause habe, wo es hingehört.

Im Moment lasse ich eine Erinnerungskiste machen in die wir dann alle Erinnerungen an Joep legen werden.

Das letzte Puzzelstück dass ich noch machen muss ist wohl sein Fotobuch. Etwas das ich bis heute nicht geschafft habe, irgendwie hatte ich ein paar mal zwar das Bedürfnis damit an zu fangen aber ich schaffte es nicht weiter zu machen. Es fängt so unfassbar glücklich an und endet so tragisch mit einer Beerdigung. Es bricht mir das Herz. Aber irgendwann werde ich es machen, irgendwann, ganz sicher!

Das Tagebuch dass ich über Joeps Woche geschrieben habe habe ich die ersten Wochen oft gelesen, dann fühlte ich mich Joep ganz nah aber ich denke dass ich es mittlerweile schon 1 Jahr nicht mehr gelesen habe. Ich erinnere mich noch immer an jede Sekunde mit ihm, habe noch nichts vergessen. Aber es zu lesen tut mir zu weh.

Doch bin ich mir sicher dass ich in Zukunft sehr dankbar bin all diese Erinnerungen gesammelt zu haben, Joeps Puzzel ist komplett und es wir immer ein Puzzelteil sein dass in meinem Puzzel fehlt.

23.04.2017

Es war einmal, vor gar nicht all zu langer Zeit...

Da verliebte sich ein 18 jähriges deutsches Mädchen in einen 21 jährigen niederländischen Traummann.

Die nächsten 10 Jahre lebten sie wie in einem modernen Märchen, voller Liebe und Glück. Sie zogen aus Grenznähe nach Den Haag zum studieren, fanden gute Jobs, heirateten, wurden schwanger und kauften sich eine perfekte Wohnung für ihr perfektes kleines Leben.

Alles was sie wollten hatten sie, es gab keine Wünsche die wir uns nicht erfüllen konnten. Wir hatten kleine bescheidene Wünsche und das wahr wohl unser Schlüssel zum Glück... Wir brauchten nicht viel zum glücklich sein und alles was wir wollten konnten wir scheinbar ohne Probleme haben. Wir waren dankbar für all die kleinen Dinge im Leben und genossen jeden Moment unseres Lebens.

Unser ganz persönliches Märchen wurde gekrönt durch die Geburt von unserem perfekten Söhnchen. So perfekt dass wir oft sagen dass er doch ein Krönchen verdient. Aber wie in jedem Märchen gibt es nicht nur Liebe und Glück. Vor dem 'und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende' passiert immer etwas schrecklich und so war es auch bei uns
Vollkommen unerwartet starb Joep und aus dem Märchen wurde ein Albtraum aus dem wir nicht entfliehen konnten, aus dem wir nie wieder aufwachen werden.

Alles was früher wie von selbst ging ist heute ein Kampf. Und der einzige Grund warum wir es schaffen diesen Kampf zu kämpfen ist die Hoffnung dass auch unser Märchen irgendwann ein Happy End haben wird. Es wird niemals so sein wie wir uns das vorgestellt haben aber wir sind wohl auf einem guten Weg. Jeder sagt uns dass wir als Paar wirklich ganz besonders gut miteinander umgehen und genau wissen und fühlen was der andere braucht.

Wir meistern wohl auch diesen Albtraum so wie es sich für ein Märchen gehört. Und Joep hilft uns dabei unseren Weg zu finden. Erinnert uns an unsere Versprechen und beschenkt und mit seinen Zeichen wenn wir sie am meisten brauchen.

Bis zum happy ever after ist es noch ein langer Weg, unser Leben fühlt sich nicht mehr an wie im Märchen aber  vielleicht haben wir ja alles Pech unseres Lebens jetzt auf einmal gehabt und klappt in Zukunft einfach alles wieder, so wie früher.  Ein happy ever after mit einem Schatten der uns immer begleiten wird. Joep wird immer in unseren Herzen weiter leben.

20.04.2017

Der Vergleich mit einer Fehlgeburt im 1. Trimester

Schon oft habe ich es von anderen Mamas gehört und auch mir selbst ist es schon passiert. Ein Gespräch fängt gut an, jemand erkundigt sich danach wie es uns geht und wir haben die Chance über Joep zu erzählen. Und über Joep reden zu dürfen ist einfach immer gut, natürlich wollen wir das und lassen uns auf das Gespräch ein.

Aber ab und zu hört man dann von diesen selbsternannten "Leidensgenossen" dass sie ja auch eine Fehlgeburt hatten, im ersten Trimester wohlbemerkt. Und dann werde ich wohl still. Ja, ich verstehe dass das auch schlimm ist, ich hatte selbst im Dezember erst eine frühe Fehlgeburt und ich verstehe auch dass es schwieriger wird nachdem man schon einen Ultraschall hatte der okay aussah und der einem Hoffnung machte. Ein schlagendes Herz zu sehen, Leben zu sehen, sein Baby zu sehen, das lässt Träume entstehen.

Aber es ist nicht zu vergleichen. Ein: ich verstehe deine Gefühle ist nicht angemessen. Jemand mit einer Fehlgeburt kann sich einfach nicht vorstellen wie es ist sein Baby kurz nach, vor oder während der Geburt zu verlieren. Genauso wie ich es mir nicht vorstellen kann wie es wohl ist sein Kind zu verlieren dass ein paar Jahre alt war. Das ist einfach ganz anders. Ich sage immer: du kannst es dir nicht vorstellen und ich hoffe dass du es niemals können wirst. 

Ich versuche diese Menschen zu verstehen, es ist einfach das schlimmste im Leben was sie mitgemacht haben, und es kommt dem was uns passiert irgendwie Nahe. Eine Schwangerschaft ohne ein Baby im Arm, ohne Kind zuhause... Aber ich hatte eine Fehlgeburt und ich habe Joep verloren. Und diese Fehlgeburt war nur 5% so heftig wie der Verlust von Joep. Und der Weg zu dieser Schwangerschaft war auch wirklich kein leichter... Ich glaube dass eine Fehlgeburt immer schwerer wird je weiter man ist und dass ich meine Fehlgeburt nicht 1 zu 1 vergleichen kann verstehe ich auch.

Also versuche ich es zu verstehen, ich betone dass sie sicher Recht haben wenn sie mir sagen dass es nicht zu vergleichen ist, aber letztendlich tun sie es trotzdem. Ganz normales und menschliches Verhalten nehme ich an, aber wie kann denn jemand einen kleinen Knubbel der ein paar mm groß war mit meinem 56 cm und 4 kg Kerl vergleichen... Joep war komplett, genauso vollständig war meine Liebe, genauso leer wie komplett und perfekt alles war fühle ich mich ohne Joep. Leer... Ja auch nach einer Fehlgeburt fühlt ihr euch leer. Aber für wie lange? Wann seid ihr wieder arbeiten gegangen? Nach wenigen Tagen oder Wochen... Ja, du scheinst wirklich zu verstehen wie ich mich fühle.

Ich bin dankbar wenn Menschen versuchen sich ein zu leben, wenn sie versuchen mich zu verstehen, aber versteht bitte auch dass alles was ihr versteht nichts im Vergleich zu dem ist wie es mir geht. Ich könnt euch einleben, aber nur zu einem kleinen Teil. Dieses Gefühl wenn dein Kind stirbt, das ist nicht zu beschreiben. Diese Leere in der man sich auf befindet ist nicht zu beschreiben. Wenn plötzlich nichts mehr gut ist, wenn man nichts mehr kann... Wenn ein Butterbrot schmieren auf einmal eine Aufgabe wird die unmöglich erscheint, wenn duschen eine Tagesaufgabe wird. Das versteht ihr erst nachdem euer Kind in euren Armen gestorben ist. Ihr gefühlt habt wie der kleine Körper immer kälter wurde. 

Wenn man Monate lang kein bisschen Glück mehr fühlen kann... Das kann man sich nicht vorstellen wenn man es nicht erlebt hat.  

Ich fühle wirklich mit jedem mit der sein Kind verliert, es ist IMMER schrecklich. Aber verstehe ich den Schmerz von jemandem der eine Fehlgeburt hatte aber der nie sein totes Baby im Arm hielt? Nein, ich bilde mir nicht ein etwas zu verstehen. Versteht ihr mich wegen eurer Fehlgeburt? Nein, bitte bildet euch nicht ein etwas zu verstehen... Seid dankbar dass ihr nichts versteht. 




19.04.2017

Papi van Joepi is thuis

Gerade kommt Rene nach Hause und er singt während er die Treppe hoch läuft: "Papi van Joepi is thuis, Papi van Joepi is thuis, Papi van Joepi is thuis (Joepis Papa ist zuhause)"

Und mein Herz strömt über vor lauter Liebe die ich fühle! Rene singt und redet oft über/für/mit Joep und für uns ist das ganz normal. Wir haben auch früher schon immer irgendwelche Texte gesungen und anstatt dass es jetzt um irgend welchen Unsinn geht geht es halt um Joep. Sowas machen wir aber nur wenn wir alleine sind und um so schöner dass Rene sich freut zuhause zu sein und so stolz singt, das konnte er den ganzen Tag auf der Arbeit nicht.

Aber die Tatsache dass ich nicht die einzige bin die ständig irgendwas über Joep sagt, dass auch Rene so viel an ihn denkt und von ihm tagträumt. Ich stelle mir vor dass Joep da oben auf seiner Wolke sitzt und sich jedes Mal freut wenn ein kleines Lied für ihn angestimmt wird. Dann tanzt er wie nur kleine Kinder tanzen und wackelt fröhlich hin und her.

Joep ist noch immer derjenige den ich am aller aller meisten liebe aber ich merke dass jetzt wo wir wieder ein Kind bekommen auch meine Liebe zu Rene noch größer wird. Es ist verrückt aber die letzten 11 Jahre hatten wir immer wieder solche wichtigen Momente in denen unsere Liebe noch stärker wurde. Unsere Verlobung, die Hochzeit, Joeps Schwangerschaft, der Hauskauf, Joeps Geburt. Jedes Mal wurde die Liebe zu meinem fantastischen Mann noch stärker und das ist auch jetzt wieder so.

Wenn er dann auch noch nach Hause kommt und sofort stolz singt dass Joepis Papa wieder zu Hause ist... Dann weiss ich dass ich in all dem Schmerz doch auch noch so viel Glück habe. Ich habe wirklich die besten Männer der Welt! Einen hier zuhause, einen auf seiner Wolke und in unseren Herzen und einen in meinem Bauch.

Ich liebe euch! Ich werde euch immer lieben!

03.04.2017

Kindergeburtstag

Gestern ist die Tochter meiner besten Freundin 6 Jahre alt geworden und natürlich waren wir eingeladen. Letztes Jahr haben wir ihren Geburtstag zum ersten mal abgesagt, aber dieses Jahr wollte ich wieder gehen und Rene ging mit.

Ich hatte die Familie meiner Freundin nicht mehr gesehen seitdem ich schwanger war, es war ein Kindergeburtstag. Vorher dachte ich dass wir das locker schaffen, dass es kein Problem sein würde. Und doch weinte ich mich gestern Abend in den Schlaf weil alles einfach zu viel war.

Gestern war wirklich tolles Wetter in den Haag und wir sassen alle draußen auf einer grossen Terrasse. Die Kinder rannten rum und spielten, es war wirklich schön, ein perfekter Tag. Aber dann seh ich all die Kinder und wir mir wieder so bewusst dass eins fehlt. Joep hätte da jetzt auch rumlaufen sollen.

Rene machte Seifenblasen und die Kinder liefen hinterher um sie platzen zu lassen und so etwas zu sehen weckt in mir zwei Gefühle. Ich finde es so schön zu sehen wie gut Rene mit Kindern umgeht und dass alle Kinder immer gerne mit ihm spielen. Es tut so weh zu sehen dass er nur mit anderen Kindern spielen kann und nicht mit Joep, dass Joep nie Seifenblasen jagen wird...

Zwischen all den Mädchen war auch ein kleiner Junge, der kleine Bruder einer Freundin von Mila. Ein kleiner blonder Junge der probierte Hula hoop zu spielen und den Reifen einfach immer fallen ließ und sich dann wie verrückt bewegte während der Reifen auf dem Boden lag.

Ich lachte und sagte Joep hätte das sicher auch so gemacht. Aber dann nach 2 mal wieder aufgehört weil er frustriert gewesen wäre, genauso wie ich es machen würde. Rene sagte nein, Joep hätte den ganzen Tag weiter gemacht und nicht aufgegeben, genauso wie ich es gemacht hätte. Und es tat weh dass wir nie wissen werden was er gemacht hätte

Ein Kindergeburtstag ist eine Konfrontation die schwerer ist als ich dachte. Wir gingen nach etwas mehr als einer Stunde wieder nach Hause. Aus Vorsorge, solange es uns noch gut geht.

Abends whatsappte ich noch  mit meiner Freundin und sie sagte dass ihre Mutter meinte ich hätte mich verändert. Ich sei nicht mehr so spontan. Sie sagte dass ihr nicht auffällt dass ich anders bin aber ich weiss dass ihre Mama recht hat. Vor allen in Gruppen bin ich anders. Im persönlichen Kontakt kann ich manchmal fast die alte sein, für kurze Momente. Aber ich weiss dass ich anders bin, noch lange nicht bin wo ich war.

Trotzdem dachte ich hierdurch abends darüber nach woran sie das wohl gemerkt hat und ich wurde so traurig. Ich weinte, ich weinte um Joep und um mich, weil es mir einfach schon so lange schlecht geht und ich ein Leben lebe dass ich so nie wollte.

Bevor wir zum Kindergeburtstag gegangen sind waren wir noch bei Joep. Wir gehen jeden Sonntag zusammen zum Grab. Ich stellte mir vor wie ich bald mit Baby vor Joeps Babygrab stehen werde und es war alles so unrealistisch. Ich träumte davon wie ich Joep zeige dass Pietje jetzt ein paar Schritte laufen kann und ich weiß dass ich das auch wirklich tun werde. Aber etwas in mir kann sich einfach nicht vorstellen dass Schwanger sein bedeutet dass man ein Kind hat zuhause ist und lebt. Dass es bedeutet dass man ein Kind hat und glücklich ist anstatt zu trauern.

29.03.2017

1. Trimester

Das erste Trimester haben wir geschafft.

Aber es war so anders als ich es mir vorgestellt habe, viel schwerer, heftiger. Ich hatte gehofft dass das Glück mit einer erneuten Schwangerschaft wieder zurück kommt aber so schnell ging das nicht. Das erste Trimester stand vor allem im Zeichen von nicht wahr haben können/wollen, Müdigkeit, Trauer und Ängsten.

Mein Bauch blieb flach, ich fühlte mich nicht schwanger, ich fühlte mich krank, man sah mir nicht an dass ich schwanger war und dafür war ich dankbar. Ich war noch nicht so weit um viel über meine Schwangerschaft zu reden. Natürlich freute ich mich auch dass ich endlich wieder schwanger war aber diese Freude stand nie im Vordergrund. So viele andere Gefühle die so viel dominanter waren haben mein erstes Trimester bestimmt.

Wofür ich dankbar bin ist dass ich all diese Gefühle annehmen und akzeptieren konnte, dass obwohl mir jeder sagte ich müsse auch genießen ich selbst nie das Gefühl hatte dass es nicht ok ist wie ich mich fühlte. Ich habe mich oft verteidigt und versucht zu erklären wie es mir geht. Mich störte es wenn jmd fragte wie es Pietje geht. Was soll ich denn darauf antworten? Meine grösste Angst war die ganze Zeit dass das kleine Herzchen nicht mehr schlägt. Ich wusste nie wie es dem kleinen in meinem Bauch geht. Also was sagte ich? Manchmal dass ich es nicht weiß und dass ich hoffe dass alles gut ist. Manchmal wich ich der Frage aus und sagte dass ich denke dass das Baby gerade schwimmt. Tod oder lebendig dachte ich dann aber das sagte ich nicht. Fast nie, nur zu Rene. Rene war zum Glück immer viel positiver als ich, das tat mir gut. Er hatte natürlich auch Ängste, die ich verstärkte, aber seine Positivität färbte auch auf mich ab.

Natürlich hatte ich nicht nur Angst, es gab auch Momente in denen ich mich freute und in denen ich sicher war dass alles gut ist, zumindest für den Moment. Das war vor allem der Fall nach jedem Ultraschall den ich hatte. Ein paar Tage ging es mir dann gut und ich vertraute darauf dass alles gut ist. Aber dann musste ich wieder Wochen warten und ich googelte. Las darüber dass das Baby im Bauch sterben kann ohne dass ich sofort eine Fehlgeburt habe, sah YouTube Videos von Müttern die gerade die Diagnose bekamen dass ihr Baby schon seit 2 Wochen nicht mehr lebte. Warum YouTube mir solche Videos vorschlägt? Warum ich sie dann auch noch echt anklickte? Ich weiß es nicht... Aber es machte mir Angst. Im letztens Jahr ging doch immer alles schief, warum würde es jetzt auf einmal nicht schief gehen? Ich bereitete mich psychisch aufs Schlimmste vor um es verkraften zu können und hoffte gleichzeitig auf das Beste.

Menschen sagten mir so oft: Diesmal wird alles gut! Ich fühle es. Auch das machte mich wütend, wieso sagt man mir sowas? Hast du bei Joep gefühlt dass es nicht gut wird? Nicht mal ich als Mama habe das gefühlt, warum denkst du dass du jetzt auf einmal in die Zukunft schauen kannst? Was soll mir das geben? Es hilft mir nicht, ich ärgere mich nur über die Dummheit solcher Kommentare. (Ich weiß dass sie gut gemeint sind aber sie können mich nicht beruhigen, sie sind so naiv, ich kann diese Schwangerschaft einfach nicht mehr naiv sein und ich will auch nicht dass andere das sind) Niemand kann so etwas fühlen. Also sagte ich dass ich es hoffe, ich hoffe dass alles gut geht. Ich sagte dass wir es verdienen und jeder stimmte mir zu. Wir verdienen ein gesundes Kind. Wir verdienen dass das Glück zurück kehrt.

Am Ende des 1. Trimesters hatten wir noch einen Ultraschall. Ich hatte solche Angst weil ich in der Woche zuvor oft versucht habe den Herzton zu finden. Von der Schwangerschaft mit Joep hatte ich noch einen Angelsound und dieses Gerät war damals so toll für uns. Wir haben es so genossen Joeps Herz zu hören. Wenn ich es mal nicht finden konnte machte ich mir nie Sorgen, ich war so überzeugt davon dass alles gut war und es meine eigene Unwissenheit war die die Ursache war. Dann legte ich das Angelsound weg und war trotzdem die glückliche enthousiaste schwangere Imke, ich dachte mir das nächste mal vielleicht.

Dieses mal dachte ich also: Bei Joep hab ich das Herzchen um die 11 Wochen gehört, ich versuche es auch jetzt ich wollte es Rene hören lassen, ich wollte es hören, es genießen. Ich dachte noch zu wissen wie ich suchen muss aber ich fand nichts. Das erste mal machte ich mir wenig Sorgen, es wird wohl an mir liegen, es ist noch zu früh. 2-3 Tage später dachte ich dann dass es jetzt vielleicht doch klappen kann und ich versuchte es wieder, wieder in der Überzeugung dass es mir gut tun wird, ich freute mich richtig es endlich zu hören. Wieder fand ich nichts und 2 Tage später googelte ich dann ab wann andere denn das Herzchen hören konnten. Ich schaute Videos auf YouTube wo sie das Gerät ansetzen um den Herzschlag zu hören. Das war dann der Moment in dem mir ein Video vorgeschlagen wurde in dem eine Frau erfuhr dass ihr Baby gestorben ist, kein Herzschlag... Anfangs waren sie so glücklich, der Mann filmte nur um dann zu hören dass das Baby schon seit 2 Wochen tot ist. Also suchte ich das Herzchen wieder aber ich fand es nicht und das Video ging mir nicht mehr aus dem Kopf.  Ab jetzt war meine Angst grösser, nicht durch den Angelsound sondern durch das Video. Ich suchte alle 2-3 Tage aber das einzige was ich fand war ein Rauschen von dem ich hoffte dass es die Nabelschnur sein könnte. Es war ein statisches Rauschen ohne Herzschlag, es gab mir ein wenig vertrauen. Was soll den sonst so Rauschen? Ich gab es wieder auf, ich fand einfach keinen Herzschlag und wollte mich auch nicht verrückter machen als ich schon war, Ich suchte nie länger als 3-4 Minuten, nie öfter als 1 mal alle 2-3 Tagen.

Dann war es soweit. ich war 12,5 Wochen schwanger und ich hatte einen Ultraschall. Alles in mir sagte wenn es jetzt ok ist, dann kannst du endlich vertrauen. Dann ist die kritische Zeit offiziell vorbei. Ich lag auf der Liege und mein Herz schlug so heftig dass ich es in meinem ganzen Körper fühlte. Ich sah mein Baby, ich sah ein Herzchen schlagen und langsam wurde ich ruhiger. Ich wusste das ist das Ende meines ersten Trimesters. Die nächsten Tage wird es mir besser gehen. Ich werde weniger müde sein, ich werde mehr Vertrauen haben, mein Bauch wird wachsen. Und so war es auch (zumindest bis jetzt). Die Chance dass es jetzt noch schief geht liegt bei 1%. Viel mehr als die Wahrscheinlichkeit dass Joep nach der Geburt noch sterben würde aber 1% ist wenig und ich versuche es entspannt zu sehen. 1% ist (fast) nichts...

Abends gingen Rene und ich essen, ganz spontan weil wir zu müde waren zu kochen und außerdem hatten wir ja was zu feiern. Ich hatte ein Baby in meinem Bauch, etwas kleiner als eine Kiwi und heute wusste ich sicher dass es lebt! Im Restaurant sagte ich plötzlich zu Rene dass ich mich zum ersten mal seit mehr als einem Jahr für einen kurzen Moment wieder ein bisschen glücklich fühle. Auf einmal wurde es mir bewusst. Endlich war das eingetreten worauf ich so gehofft hatte bei dieser Schwangerschaft.

Diese Schwangerschaft bringt also doch ein wenig Glück zurück in unser Leben. Der Ultraschall war Freitag, heute ist Mittwoch. Bis jetzt habe ich den Angelsound nicht mehr benutzt. Ob ich ihn wieder benutze? Vielleicht! Aber nicht mehr aus Sorge, nicht mehr so früh in der Schwangerschaft.  Bei Joep benutzte ich es nur bis zu dem Tag an dem ich ihn fühlte, danach war der Kontakt so stark dass ich sein Herzchen nicht mehr brauchte um mich extra verbunden zu fühlen. Ab 16 Wochen fühlte ich ihn regelmäßig. Ich bin jetzt 13,5 Wochen schwanger. Ich hoffe dass ich die Geduld habe es nicht zu benutzen, oder dass wenn ich es benutzte ich zumindest das Herzchen finde (Und wenn das eintritt werde ich es öfter benutzen, der Herzschlag deines Kindes ist einfach das schönste Geräusch das ich mir vorstellen kann). Bis jetzt habe ich den Angelsound immer benutzt weil ich dachte: Wenn ich das Herzchen jetzt höre, dann geht es mir besser, dann kann ich mich vielleicht entspannen.... Ich muss dazu sagen dass meine Ängste die ich ja eh schon hatte nicht grösser wurden als ich  keinen Herzschlag fand. Wenn das so gewesen wäre hätte ich es nicht so regelmäßig versucht. Es war nicht schlecht für mich aber es gab mir halt auch nicht die Entwarnung die ich in dem Moment brauchte.

Jetzt bin ich also Anfang des 2. Trimesters und es geht mir besser. Ich bin weniger müde, habe etwas mehr Energie. Endlich glaube ich wieder an das was ich das ganze letzte Jahr schon wusste. Ein neues Baby ist die einzige Medizin, der einzige Weg wieder Glück in mein Leben zu bekommen. Und das tut Pietje jetzt auch, wir sind wieder ein kleines bisschen glücklich. Dieses Gefühl verändert die Gefühle der Traurigkeit nicht, die bleiben gleich, aber es gibt jetzt halt auch Momente die etwas besser sind. Kleine Momente, aber ich denke dass das in Zukunft immer mehr werden. Irgendwann werde ich wohl wieder sagen dass ich glücklich bin. Es wird nie wieder gut, Joep wird immer tot sein. Aber glücklich werden, das können wir schaffen, zusammen mit Joep in unserem Herzen und Pietje (hoffentlich) in unseren Armen.

Nach dem Ultraschall am Freitag ist mein Bauch dann auch wirklich explodiert. Von 0 auf schwanger in einem Tag. Verrückt wie schnell das ging! Ich habe Dienstags ein Foto gemacht aber Freitags war mein Bauch identisch. Das nächste Foto das ich gemacht habe war Montag, aber Sonntag war mein Bauch schon genauso rund.

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20.03.2017

Wann ist ein guter Moment um wieder schwanger zu werden nach dem Verlust seines Kindes?

Eine Frage die sich wohl alle Mamas und Papas stellen nachdem ihr Kind gestorben ist. Vor allem wenn es sich um einen Verlust eines Babys handelt. Der Kinderwunsch den man hatte ist nicht mit seinem Kind gestorben. Nein, bei mir wurde der Wunsch nur noch stärker. Jeden Tag schwirrte mir dieser Gedanke im Kopf, ich will Kinder. Ich kann nur glücklich werden wenn ich wieder Kinder habe.

Also flehte ich Rene an es wieder zu probieren. Rene wollte es nicht sofort wieder probieren, wollte noch ein bis zwei Monat länger warten aber ohne die Hoffnung konnte ich nicht leben und Rene stimmte ein, tat es für mich. Ich sagte mir dass mein Kopf einfach keine klare Entscheidung treffen kann, dass aber mein Körper entscheiden wird wann er ein gesundes Kind machen kann. Ich vertraute meinen Körper dass ich nicht schwanger werde bevor ich dazu auch wirklich bereit bin. Ja, das war sicher eine sehr naive Einstellung aber sie hat mir in dem Moment das Leben gerettet. Ich konnte etwas tun um wieder glücklich zu werden.

Während die Welt um mich herum sich nicht einmal traute darüber zu reden ob wir noch ein zweites Kind wollen oder nicht nagte der Gedanke jeden Tag in unseren Köpfen. Wieder schwanger werden, am liebsten gestern schon.

Es war eine Art Sucht nach Glück, am glücklichsten waren wir mit Joep und die einzige Art und Weise wieder Glück in unser Leben zu bekommen schien eine Schwangerschaft zu sein.  Wir wollten nichts lieber als wieder glücklich sein, Joep konnten wir nicht zurück haben, Joep wollten wir nie ersetzen, aber dieses Glücksgefühl, das wollten/brauchten wir in unserem Leben.

Wir probierten also schnell wieder schwanger zu werden, im nachhinein sage ich 100% ehrlich dass ich froh bin dass es nicht sofort geklappt hat! Es war dumm zu denken dass ich es könnte, wieder schwanger sein und trauern gleichzeitig. Es war naiv zu denken dass es mir innerhalb von einem Jahr gut genug geht um mich Vollzeit um ein Kind kümmern zu können und dabei auch noch eine gute Mutter zu sein. Ich hätte mich um das Kind kümmern können, diese Urkraft einer jeden Mama sorgt dafür dass wir das können, aber wie lange wäre das gut gegangen? Wie lange hätte ich mich auch um den Haushalt, mich selbst und meinen Mann kümmern können? Ich bin froh dass es nicht sofort geklappt hat, ich wäre überfordert gewesen und hätte mich wahrscheinlich schrecklich schuldig gegenüber Joep gefühlt weil er es doch verdient dass sich all meine Gedanken um ihn drehen. Wie soll das gehen mit einem neuen Baby im Haus? Ich konnte nicht einmal einen Film gucken ohne mich danach schuldig zu fühlen weil ich nicht an Joep gedacht hatte. Filme habe ich oft in 2 Etappen geguckt nur damit ich Zeit hatte an Joep zu denken.

Aber wann ist ein guter Moment es wieder zu probieren? Es gibt ein paar Dinge über die man nachdenken sollte bevor man sich entscheidet wieder schwanger zu werden.

1. Kannst du mit einem erneuten Verlust umgehen? Die Chance auf eine Fehlgeburt liegt bei ca. 30%. Die Natur kann nicht rechnen, die Natur interessiert es nicht dass dein Baby/Kind gerade gestorben ist und du schon einen Verlust zu verkraften hast. Die Chance dass es sehr früh schief geht ist hoch. Aber leider wissen wir nur zu gut dass es mehr Risikos gibt als eine Fehlgeburt. Auch ein Regenbogenkind kann wieder krank sein, kann wieder sterben. Schafft ihr noch einen Verlust? Seid ihr psychisch dazu in der Lage? Habt ihr einen Plan? Was macht ihr wenn es nochmal schief geht?

2. Ist dein Zyklus wieder regelmäßig? Es kann sein dass ihr plötzlich merkt dass ihr nicht mehr fruchtbar seid. Leider ist das nicht nur mir passiert. Wie geht ihr dann damit um? Hormone, IUI, IVF... So eine Kinderwunschbehandlung bringt Menschen ohne Verlust schon oft an den Rand ihrer Kräfte. Wie sieht das bei euch aus?  Schafft ihr das?

3. Denkt dein Partner über eine erneute Schwangerschaft genauso wie du? Ein Kind erzeugen nach einem solchen Verlust bedeutet geplanter Sex auf Timing und das obwohl Sex so oft das letzte ist worauf man Lust hat wenn es einem so schlecht geht. Aber es muss Tag x sein, ansonsten verschwendet ihr einen Monat und das ist auch keine Option, oder? Seid ihr beide bereit dieses Stress in eurem Leben zu zu lassen? Ich würde jedem empfehlen es nur zu probieren wenn beide Partner 100% hinter dem Plan stehen und es wollen.

4. Hattet ihr genug Zeit zu trauern? Nach meiner Erfahrung (und auch die von anderen Mamas mit denen ich Kontakt habe) dauert trauern viel länger als man sich vorstellen kann, wenn ihr es wieder versucht kann es gut sein dass ihr in 9 Monaten wieder ein Baby im Arm haltet, seid ihr dann auch sicher so weit? Neun Monate scheinen so lange zu dauern aber sie fliegen vorbei. Trauer bedeutet Stress für den Körper, Stress in einer Schwangerschaft sollte vermieden werden weil sie nicht gut fürs Baby ist.

5. Und wenn dann alles klappt, dann bedeutet eine erneute Schwangerschaft Stress und Erschöpfung. Arbeitet ihr wieder Vollzeit? Schaffst du es Arbeit und Schwangerschaft unter einen Hut zu bekommen? Auf einmal gibt es so viele neue Ängste und Sorgen die einen verrückt machen können. Wie wirst du damit umgehen? Ich machte mir nie unnötige Sorgen aber jetzt hatte ich im ersten Trimester oft Angst dass das Kind vielleicht gestorben sein könnte ohne dass ich er gemerkt habe. Wie gehst du mir solchen Ängsten um?

6. Es kann Monate dauern bis du wieder schwanger bist. Jeden Monat wieder steigt die Hoffnung die dann so jäh zerstört wird wenn es wieder nicht geklappt hat. Es ist schwer mit dieser Enttäuschung um zu gehen in Zeiten in denen doch sowieso alles schon so schlecht erscheint. Kannst du damit umgehen? Wenn nicht solltest du warten bis du es kannst. Jedes Mal wenn du deine Periode bekommst bedeutet dass nicht nur dass es nicht geklappt hat, es bedeutet auch dass ein neuer Zyklus begonnen hat, eine neue Chance auf eine Schwangerschaft.

7. Hast du dein Leben wieder weitestgehend im Griff? Wie sieht euer Haushalt aus? Schafft ihr es regelmäßig gesund zu kochen und leben? Schafft ihr es zu arbeiten, soziale Kontakte zu pflegen und euch um euch selbst zu kümmern? Erst wenn das alles langsam wieder läuft habt ihr genug Energie und eine gute Basis für eine Schwangerschaft.

8. Timing. Es kann sein dass euer Kind im gleichen Monat geboren wird wie euer verstorbenes Kind. Seid ihr dazu bereit? Seht ihr es als Geschenk vom verstorbenen Geschwisterchen oder wird es vielleicht zu schwer? Wollt ihr diesen Monat wirklich teilen? Oder wollt ihr lieber einen Monat warten? Außerdem wird die ganze Schwangerschaft dann sehr parallel laufen was sehr konfrontierend sein kann. Ich würde euch dazu raten es diesen Monat nicht zu versuchen weil ich von vielen anderen Mamas gehört habe wie schwer es sein kann wenn jeder auf dem Geburtstag deines verstorbenen Kindes fragt was er denn zum Geburtstag des Geschwisterchen kaufen soll. Der Februar gehört Joep und noch bin ich nicht bereit ihn zu teilen. Vielleicht dass mir das bei Kind Nummer 3 oder 4 nicht mehr so viel ausmacht, aber jetzt will ich es noch nicht.

Wenn ihr euch dazu entscheidet zu warten, dann will ich euch doch eins mit auf den Weg geben: Kontrolliert euren Zyklus, kennt euren Zyklus bevor ihr anfangt es zu probieren. Es macht das Schwanger werden einfacher und wenn etwas nicht in Ordnung ist wisst ihr das sofort und habt ihr sofort Hilfe wenn ihr es wieder probieren wollt. Mein Zyklus war plötzlich nicht mehr gut, ich konnte ohne Hormone nicht mehr schwanger werden, hatte keinen guten Eisprung, und das obwohl ich vor Joep nie Probleme hatte, im Gegenteil, bei Joep war ich innerhalb von 4 Monaten schwanger, es war der 1. Monat in dem wir aufs Timing geachtet haben. Ich bemerkte schnell dass mein Zyklus nicht ok war aber niemand wollte mir glauben und ich hatte nicht die Kraft mich durch zu setzen. 6 Monate nachdem Joep geboren wurde hatte ich dann Gewissheit. Ich kann nicht schwanger werden, nicht ohne Hilfe. Ich bekam alle Hilfe die ich brauchte, der 1. Monat mit Hormonen war mein Zyklus immer noch nicht gut, ab dem 2. hatte ich dann endlich Zyklen in denen wir eine Chance hatten. Im Dezember war ich dann endlich schwanger aber hatte eine Fehlgeburt. Im Januar wurde ich wieder schwanger, ganz ohne Hormone, und bis jetzt geht alles gut.

Für mich selbst war der Moment in dem ich wusste ich bin wirklich bereit wieder schwanger zu werden nach 7 Monaten gekommen. Nach 7 Monaten wusste ich sicher dass ich körperlich und psychisch in der Lage bin wieder schwanger zu werden. Bis dahin habe ich meinen Körper die Regie gegeben und ihm Vertraut. Ab diesem Moment wurde das nicht schwanger werden schwerer, denn mein Kopf schien zu wissen was mein Körper nicht akzeptieren wollte. Mein Zyklus war endlich stabil und trotzdem ging es mir nicht schnell genug. Ich weinte weil mein Leben so ungerecht war und verlor all mein Vertrauen, ich dachte ich könnte nicht mehr schwanger werden und das war sehr schwer für mich. Aber auch das hatte wohl wieder sein Gutes. Ohne Hoffnung machte ich mir auch keinen Stress mehr und war ich trotz Spritzen, mehreren Ultraschalluntersuchungen und Tabletten nicht mehr den ganzen Tag damit beschäftigt dass ich schwanger werden will. Und plötzlich ging es wie von selbst. Nach der Fehlgeburt hatte ich wieder vollstes Vertrauen in mich und meinen Körper und das hat sich gelohnt. Joep wird großer Bruder :)

NOCH 1 TIPP: So schwer es euch auch fällt, macht nicht den Fehler den ich gemacht habe. Ich habe mit jedem darüber geredet dass wir es wieder versuchen und jeden Monat fragten mich irgendwelche Menschen ob es denn schon geklappt hat. Gut gemeint aber auch so lästig. Man denkt gerade selbst nicht dran und dann wird man wieder gefragt. Und als ich schwanger war wollte ich es erstmal keinem erzählen aber Menschen wussten dass wir es versuchten also log ich sie an. Diesen Zyklus bekomme ich keine Hormone, es kann noch Wochen dauern bis ich meine Periode nach der Fehlgeburt bekomme meinte die Gynäkologin. Erst dann fangen wir wieder an mit Hormonen. Im Februar sagte ich dann jedem dass sich im Moment alles um Joep dreht und wir gar nicht an Babys machen denken.... Ich wollte noch nicht dass die Welt weiß dass ich schwanger bin weil ich es selbst noch nicht realisierte. Ich brauchte Zeit für mich, um mich an diesen Gedanken zu gewöhnen.

19.03.2017

Wird Joep bald grosser Bruder?

Im Moment sieht alles danach aus dass unser Wunsch im Oktober Wirklichkeit wird.

Etwas in mir weigert sich diesen Eintrag  'Joep wird grosser Bruder' zu nennen. Ich hoffe dass dieses Mal alles gut geht und dass wir im Oktober ein gesundes, vor allem aber lebendes Kind bekommen. In meinem Bauch wächst ein Geschwisterchen, Joep wird grosser Bruder aber das Vertrauen dass diesmal alles gut gehen kann muss noch wachsen, genau wie das Baby.

Ich freue mich über Pietje. So nennen wir das Baby bis wir wissen was es wird und es einen echten Namen bekommt. Pietje gibt mir Hoffnung dass wir es wirklich schaffen können, das wir wirklich wieder glücklich werden können.

Aber jetzt ist alles noch ganz frisch und komisch. Ich fühle mich noch nicht schwanger, ich fühle mich müde, kränklich, psychisch am Ende meiner Kräfte.

Anstatt dass jetzt alles einfacher wird ist alles schwerer geworden. Ich hatte so gehofft dass eine Schwangerschaft meine Welt etwas besser, mein Leben etwas einfacher macht aber die ersten Wochen war alles einfach nur extra schwer. Anstatt extra Freude in meinem Leben gibt es extra Ängste und Sorgen. Ich hatte gerade erst eine Fehlgeburt, Joep ist tot. Natürlich habe ich Angst, natürlich ist es schwer und traue ich mich nicht mich zu freuen. Ich war naiv, ich habe gehofft anstatt realistisch zu sein...

Ich traue mich nicht mich zu freuen. Manchmal freue ich mich kurz aber dann ist die Angst wieder da. Oft scheint die Schwangerschaft aus meinen Gedanken verdrängt zu sein, dann ist mir wieder übel oder hab ich Bauchweh und dann fällt es mir wieder ein. Dann schäme ich mich dass ich an dem Tag kaum an Pietje gedacht habe. Aber mein Kopf scheint mich schützen zu wollen... Wenn ich mich richtig drauf einlasse kann es wieder so weh tun.

Das alles ist okay für mich. Ich tue 100% was ich tun muss für Pietje. Ich schone mich, höre auf meinen Körper und langsam kommt die Neuigkeit auch in unseren Köpfen an. Wir bekommen wieder ein Kind. Und das Kind verdient dass ich mein bestes gebe, dieses Kind braucht jetzt noch nichts außer einer gesunden Mama. Und wenn ich erst genießen kann wenn Pietje in unseren Armen liegt ist das auch okay für mich. Diese Schwangerschaft muss ich nicht genießen, das einzige was ich von mir aus muss ist alles richtig machen, keine Risikos eingehen und offen sein für alles was kommt. Ich darf diese Schwangerschaft genießen, aber wenn ich es nicht kann, dann ist das okay.

Joep wird großer Bruder.
Ich bin jetzt 12 Wochen schwanger. Nach der Fehlgeburt im Dezember hat es sofort wieder geklappt. Ich habe im Januar keine Hormone für den Eisprung bekommen und trotzdem bin ich schwanger geworden. Wir hatten schon ein paar Untersuchungen und beim letzten Ultraschall konnten wir Pietje schon richtig erkennen, das Näschen ist deutlich zu sehen. Arme und Beine strampelten lustig vor sich hin. Aus dem kleinen Knubbel ist in nur 1 Monat ein kleiner Mensch geworden.

Es ist noch zu früh um über Ähnlichkeiten zu sprechen aber ich sah Joeps Beine und Nase... Rene sah es auch. Es sind halt Geschwister, wir sind sehr gespannt wie ähnlich sich die beiden sein werden. Und ob Joep einen Bruder oder eine Schwester bekommt.

Aber alles was ich will ist dass das Kind glücklich werden kann. Etwas was Joep nicht konnte...

Erst dann hoffe ich auf ein gesundes Kind. Erst dann hoffe ich dass es ein Junge ist so dass Joeps Kleidung endlich getragen werden  kann... Damit ich nicht alles ungetragen aus seiner Kommode holen muss um Platz zu machen für Mädchensachen. Erst dann hoffe ich dass Pietje klug und hübsch ist... All diese Sachen sind mir so egal. All diese Sachen waren mir so wichtig bei Joep.

Diese Schwangerschaft wird extra gut überwacht und ich habe das Gefühl im guten Händen zu sein. Das gibt eine innere Ruhe die wichtig für mich ist und ich hoffe dass ich Recht habe, dass wir wirklich in guten Händen sind. Dass Pietje alles bekommt was er/sie braucht... Dass Pietje glücklich werden kann. Die nächsten Untersuchungen werden sehr spannend, denn dann erfahren wir ob Pietje gesund ist. Aber so ganz sicher kann man sich nie sein...

Joep passt gut auf Pietje auf, da sind wir uns sicher. Joep ist sicher ein sehr stolzer grosser Bruder!

15.03.2017

13 Monate

Lieber Joep,

Heute ist wieder der 15. Zum 13. Mal seitdem du geboren wurdest. Was vor 13 Monaten anfing als der schönste Tag meines Lebens ist in den letzten Monaten zu einem besonderen Tag geworden. So anders als ich es mir vorgestellt habe.

Joep du solltest jetzt laufen können, Zähne habe, brabbeln, Mama und Papa sagen, du solltest alles essen und ich bin mir sicher dir hätte alles geschmeckt. Genau wie Papa. Du solltest spielen und lachen, ganz laut lachen und frech sein und ausstrahlen was du hättest werden sollen, dass du der glücklichste kleine Junge auf der Welt bist.

Aber all das hast du nicht gelernt, all das konnten wir dir nicht zeigen. Statt dessen hast du gelernt Regenbögen zu machen und uns Zeichen zu schicken.

Und du hast uns so viel beigebracht. Mama und Papa wussten nicht Mal was Trauer bedeutet, dass es wohl nur ein anderes Wort für unendliche Liebe ist. Denn unendliche Liebe, die hast du uns gezeigt.

Im letzten Jahr haben wir so viel gelernt Schatz! So viel über Trauer und Verlust und Eltern sein von einem Kind das gestorben ist. Wir haben gelernt dass alle Gefühle okay sind, auch wenn sie uns erschrecken weil sie eigentlich nicht zu uns passen. Wir haben gelernt dass wir uns nicht verstellen müssen und weinen dürfen wann und wo wir wollen. Ich habe gelernt dass es egal ist was die anderen denken. Sollen sie doch denken, keiner der mich sieht denk dass du tot bist.

13 Monate Joep, das bedeutet dass ich dich schon fast 13 Monate lang vermisse und das tut weh. Noch immer, jeden Tag.

Auch heute bin ich an deinem Grab. Der 15. ist ein wichtiger Tag, ich habe noch keinen verpasst. Sogar den Urlaub hab ich dieses Jahr so gebucht dass ich am 15. hier sein kann, an deinem Grab sitzen kann.

Joep wir lieben dich, für immer und immer!

08.03.2017

Ja Imke, du redest gerne darüber aber da ist ja jeder anders...

Heute war es wieder soweit, ich weiss nicht wie oft ich es im letzten Jahr gehört habe...

Wenn ich erzähle dass es mich verletzt wenn Leute tun als ob es nie passiert ist, als ob alles noch OK und beim alten ist, dann bekomme ich immer die gleiche Antwort. Jeder scheint vollstes Verständnis für die Menschen zu haben die mir aus purem Egoismus und Mangel an Charakter weh tun. Ja ich sage Egoismus denn das ist es für mich, all die Menschen die sich für den leichten Weg entscheiden und das nur weil es für sie einfacher ist. Was ist es denn wenn es kein Egoismus ist? Sie haben Angst mich weinen zu sehen, Angst vor dem Blick in meine Seele, davor den Schmerz zu sehen und dadurch kurz einen Hauch von dem zu erleben womit ich doch jeden Tag lebe... Und ich finde es egoistisch denn ich muss jeden Tag mit diesem Gefühl leben und diese Menschen machen es für mich schlimmer anstatt mir zu helfen indem sie aufrichtig fragen wie es mir geht und mich erzählen lassen. Das schlimmste Gefühl dass man mir geben kann ist dass Joep nicht dazu gehört... Wenn jemand ihn verschweigt und dem Thema ausweicht, dass bricht es mein Mutterherz. Wetten diese Menschen hätten alle wohl nach Joep gefragt wenn er leben würde denke ich dann, aber jetzt tun sie als ob es nie passiert ist.

Und JEDER scheint so ein Verständnis für sie zu haben, jeder scheint das Gefühl zu haben mir erklären zu müssen warum sie so sind und immer und immer wieder erkläre ich dass ihre Ansicht falsch ist. Dass die Menschen es eben nicht nur gut meinen und darum nichts sagen. Wenn sie es gut mit mir meinen würden dann würden sie mich fragen was ich will und was ich brauche und danach handeln.

Heute war es wieder so weit, eine Frau mit der ich vorher nie über Joep geredet habe (und auch heute fragte sie nicht nach Joep als ich erzählte dass ich es schwer finde Menschen das erste Mal wieder zu sehen, vor allem Menschen die mich verletzt haben indem sie sich nicht meldeten nachdem Joep gestorben ist... Nein es ging innerhalb von wenigen Minuten nur noch um ihre Probleme und die ja so viel schlimmer sind...  Da kann ich mir nur an den Kopf fassen, wie kannst DU MIR sagen du hast nichts mehr obwohl du doch ein gesundes Kind hast...) erklärte mir also warum Menschen so reagieren, warum sie nichts sagen.

Ja Imke, du redest gerne darüber aber da ist ja auch jeder anders. Andere reden nicht gerne darüber, die Menschen wissen einfach nicht was richtig ist. Und da war es dann, ich war die ganze Zeit schon so frustriert von ihrer Ignoranz aber das war mir zu viel.... Ich kenne KEINE Mutter die nicht über ihr verstorbenes Kind reden will. Keine Mutter habe ich je mit so viel Liebe und Stolz über ihre Kinder reden hören wie uns. Die Liebe und der Stolz ist alles was wir noch haben und das strahlen wir auch aus.

Aber warum bilden sich Menschen ein wir wollten nicht darüber reden? Warum? Weil die meisten Menschen einfach sozial total unfähig sind und ihr unfähiges Verhalten hiermit versuchen zu entschuldigen.

Aber ich akzeptiere es einfach nicht mehr. Nein ihr habt Unrecht. Mir weh zu tun wo doch alles schon so weh tut... Wie könnt ihr es wagen? Auf jemandem der am Boden liegt tritt man nicht ein.

Warum kann sich die Menschheit nicht einfach 5% mehr Mühe geben um sich ein zu leben... Aber das ist zu viel verlangt.

Immer denken alle es zu verstehen. Auch das wurde mir zu oft gesagt... Ich verstehe dich so gut Imke. Nein du verstehst nichts, NICHTS! Manchmal wünschte ich mir dass die ganze Welt mitmachen muss was ich mitmache, einfach damit Menschen mich verstehen. Würde jeder Mensch einmal im Leben diesen Schmerz fühlen, nur für eine Woche... Mein Leben wäre einfacher weil man mich verstehen würde.

Ich rechtfertige mich jetzt seit einem Jahr und langsam werde ich müde. Es frustriert mich. Ich will die Welt verbessern und es jedem erklären. Aber die Frau heute wollte mir ja nicht mal zuhören, sie hörte nicht was ich sagte... Und es macht mich sauer und er verletzt mich aber gleichzeitig habe ich auch Mitleid mit ihr. Wenn eine Scheidung für sie schlimmer ist als dass Joep tot ist... Dann denke ich doch sie hat ganz andere Probleme. Mit so einer Einstellung hätte ich es nicht geschafft heute zu sein wo ich bin.... Wenn sie wirklich denkt dass sie nichts mehr hat nur weil sie geschieden ist, ich kann es nicht nach vollziehen.

Und noch etwas: Wenn ich weine will ich nicht dass ihr fragt ob wir das Thema wechseln sollen, und schon gar nicht dass ihr es trotzdem einfach wechselt wenn ich nein sage.  Lasst mich um Joep weinen so viel ich will und wann ich will. Manchmal überfällt es mich und muss es raus. Joep verdient jede Träne und jedes Lächeln und jeden Gedanken!

Hoffentlich konnte ich meiner Frustration hiermit ein wenig Luft machen...

28.02.2017

Traum

Ich träume nicht oft über Joep aber diese Nacht habe ich wieder über ihn geträumt und wie immer will ich diesen Traum nicht vergessen, es sind viel zu wenig Träume.

Letzte Woche träumte ich schon einmal über den Friedhof und Beerdigungen aber als ich aufwachte wusste ich schon nicht mehr was ich genau geträumt habe.

Diese Nacht find der Traum wieder so unsinnig an aber dan Ende war schön.

Joep lag im sterben, wir waren in dem Zimmer in dem er starb, er hatte seine Klamotten an die er an hatte, alles war schwarz weiß, wie auf den Fotos die wir von dem Tag haben. Ich war den ganzen Traum nur Zuschauer, jemand gab Joep ganz schnell hintereinander Klapse auf den Po, ich wurde böse, viel zu schnell, viel zu fest. Joep ist fast tot, er fühlt fast nichts mehr aber er verdient Liebe und Zärtlichkeit und keine Grobheit, es war nicht lustig, warum tat er das? Jemand anders nahm Joep und legte ihn auf seinen Bauch, Joep öffnete die Augen und ich sah dass sein Gesicht gar nicht so geschwollen war wie es war. Joep war einfach wunderschön und irgendwie hatte es ihn aufgeweckt, all die Schläge auf seinen Po. Ab hier wird der Traum schöner, alles hat auch Farbe. Joep wird mit in ein Wohnzimmer genommen, er sitzt auf der Hüfte des Mannes und ist plötzlich ca 1 Jahr alt, Joep guckte aufgeweckt durch die Gegend. Er hatte blondes, dickes und gewelltes Haar. Meine Zuschauerrolle im Traum störte mich nicht mehr, es war wie ein ganz normaler Tag an dem Joep rumgereicht wird und jeder freute sich mit ihm zu spielen und ihn fest zu halten. Er sah Rene ähnlich, sah aber seinen Babyfotos nicht mehr so ähnlich. Dennoch erkannte ich ihn sofort. Natürlich würde ich meinen Sohn immer und überall erkennen. Joep sah so gesund aus. Irgendetwas in mir sagte dass er noch immer sterben muss, um sein Leben kämpft aber er sah so gesund und munter aus.

Dann war der Traum vorbei. Ich wachte auf und war froh dass ich von Joep träumen durfte, ich frage es ihn abends so oft: Lieber Joep, komm Mama und Papa heute im Traum besuchen.


27.02.2017

Joeps Grabstein

Lange, sehr lange haben wir darüber nachgedacht was für einen Grabstein wir für Joep wollten. Als Joep gerade drei Wochen tot war waren wir das erste und einzige mal in einem Grabsteingeschäft. Uns gefiel nur ein Stein aber irgendwie gefiel er uns nicht gut genug um ihn auch zu bestellen oder die nächsten Monate noch einmal gucken zu gehen. Es war ein Standard-stein und der Gedanke dass ein anderes Kind den gleichen Stein hat wie Joep, das gefiel mir irgendwie nicht.

Mit der Zeit kamen immer mal wieder Gedanken an den Stein und relativ schnell wusste ich dass ich daran mitarbeiten wollte. Spontan wollte ich zu einem Steinhauer und habe ich mir auf YouTube Videos angeschaut wie man Steine bearbeitet aber ich hatte Angst: was wenn es kein schöner Stein wird? Was wenn ich es nicht perfekt mache? Also wollte ich es lieber zusammen mit jemandem machen aber zu diesem Zeitpunkt konnte ich niemanden suchen der das machen würde. Von Joep zu erzählen kann so unfassbar weh tun, dann ist es so echt also wartete ich. Etwas sagte mir die richtige Idee wird dich finden, Joep wird uns zeigen was zu ihm passt.

Ich wusste noch nicht was ich wollte, Rene wusste es auch noch nicht. Der Schmetterling gefiel uns gut, aber auch eine Kombination aus Stein und Glas gefiel uns gut. Wir hatten keine Eile denn Joeps Grab sah immer wunderschön aus und ich habe es das ganze Jahr mit Liebe versorgt.

Irgendwann waren wir auf einem Straßenfest und wir liefen bis zum letzten Stand auf einer kleinen Seitenstraße (sowas machen wir eigentlich nie, aber etwas 'rief' mich). Wir entdeckten einen Mosaik-stand und ich dachte ein Stein mit Joeps namen drauf wäre schön. Ich dachte noch gar nicht an einen Grabstein, es sollte einfach ein kleiner Stein werden der hübsch da liegt bis wir einen Grabstein haben. Ich fragte die Frau ob sie auch etwas für uns machen kann und sie meinte dass wir das am besten zusammen machen können. Wir liefen nach Hause und da hatte ich das erste mal die Idee: Ein ganzer Grabstein aus Mosaik! Ich googelte sofort und natürlich war ich nicht die erste mit der Idee. Ich googelte zuerst nur zur Inspiration, die Frau vom Stand wohnte nur zwei Strassen weiter und ich wollte es gern mit ihr machen. Aber nachdem ich einmal bei ihr war hatte ich plötzlich kein gutes Gefühl mehr dabei. Meine Angst dass der Stein bei ihr nicht perfekt wird war wieder da und Joeps Stein sollte/musste doch perfekt werden.

Mittlerweile war August und seit Monaten wussten wir das wir einen Mosaikstein wollten. Jetzt hatte ich wieder die Energie mich hiermit zu beschäftigen und ich vereinbarte einen Termin mit einer Frau die professionele Grabsteine aus Mosaik macht. Ihr Atelier war nicht weit weg, nur eine halbe Stunde mit dem Auto. Es war Hochsommer und ich sass Sabina gegenüber und erzählte ihr unsere Geschichte, erzählte von Joep. Ich fühlte mich sofort gut aufgehoben und ernst genommen und zum ersten mal hatte ich das Gefühl dass ich  jemanden gefunden habe der mit uns einen perfekten Stein machen kann.

Das entwerfen dauerte Monate, es kam von beiden Seiten. Sabina ist eine echte Künstlerin die wie es sich gehört auch schon mal etwas verplant. Rene und ich entpuppten uns als richtige Controlefreaks und haben den Grabstein nachher großenteils selbst entworfen. Die Form des Steins haben wir mit Sabina zusammen entschieden und auch einen ersten Entwurf wie der Stein aussehen könnte haben wir zusammen in ihrem Atelier gemacht. Wir wollten den letzten Feinschliff selbst in Photoshop machen und haben dann zuhause in Photoshop den Entwurf nochmal komplett auf den Kopf gestellt. Zusammen mit Rene, Sabina, und meinen Freundinnen Coco und Christin haben wir den Stein entworfen und waren erst zufrieden als der Stein perfekt war. Nach Monaten war es dann im Dezember so weit! Der Entwurf stand, wirklich jeder Centimeter des Grabsteins hat eine Bedeutung und über alles haben wir nachgedacht. Zeitig zu seinem Geburtstag sollte Joep einen Grabstein haben.

Wir haben auch mit dem Mosaik des Grabsteins geholfen, den Mond haben wir (bis aus die Aussenlinien) selbst gelegt und darauf sind wir wirklich Stolz! Sowieso sind wir sehr stolz auf den Entwurf. Der Grabstein ist einfach perfekt und passt perfekt zu uns und Joep.

Joep war wunderschön und jetzt hat er auch ein wunderschönes Grab, er verdient ein wunderschönes Grab. Es macht mich glücklich wenn ich daran denke dass Menschen vorbei laufen und kurz stehen bleiben um sich diesen einzigartigen Stein an zu schauen!

Es hat lange gedauert bis Joep seinen Grabstein bekommen hat aber für uns hat sich das Warten gelohnt. Wir brauchten diese Zeit um unsere Kreativität wieder zu finden. Perfektion braucht Zeit!

Danke Sabina dass du so viel Geduld mit uns hattest und dass du einen wirklich perfekten Stein für uns gemacht hast! Es ist wirklich der schönste Grabstein den wir je gesehen haben! http://www.gedenkmozaiek.nl/


Ein perfekter Grabstein für ein perfektes Baby

Regenbogen: Als Joep in unseren Armen um sein Leben kämpfte war da genau vor unseren Krankenhausfenster ein wunderschöner kompletter Regenbogen. Ich sagte ihm dass das seine Leiter in den Himmel sei, seitdem ist der Regenbogen Joeps Zeichen.
Joep als Sonne: Joep is unser Sonnenschein, unser Stolz und jeder Sonnenstrahl der auf unsere Haut fällt und uns wärmt erinnert uns an unseren Sonnenschein.
Wolken: Wir sagen oft dass Joep auf einer Wolke sitzt und uns zuguckt.
Schrift: Alles geschriebene ist in meiner Handschrift geschrieben
Tag und Nacht: Wir denken IMMER an Joep, jeden Tag und jede Nacht
Mond und Sterne: ein schöner Sternenhimmel erinnert uns immer an Joep. Oft gucken wir nachts aus dem Fenster und wenn die Sternen dann so hübsch scheinen fühlt es sich an als ob Joep uns ganz nah ist.
Fußabdrücke: Joeps Fußabdrücke sind auf dem Grabstein, die Form stimmt und sie sind genau 8 cm lang. 
Katze: Joeps kleine Stoffkatze musste auf auf den Grabstein kommen, sie gehört echt zu Joep, er hat immer mit ihr gekuschelt.
Stern mit Schrift: Mama und Papa lieben dich - mehr Worte brauchen wir nicht.