29.03.2017

1. Trimester

Das erste Trimester haben wir geschafft.

Aber es war so anders als ich es mir vorgestellt habe, viel schwerer, heftiger. Ich hatte gehofft dass das Glück mit einer erneuten Schwangerschaft wieder zurück kommt aber so schnell ging das nicht. Das erste Trimester stand vor allem im Zeichen von nicht wahr haben können/wollen, Müdigkeit, Trauer und Ängsten.

Mein Bauch blieb flach, ich fühlte mich nicht schwanger, ich fühlte mich krank, man sah mir nicht an dass ich schwanger war und dafür war ich dankbar. Ich war noch nicht so weit um viel über meine Schwangerschaft zu reden. Natürlich freute ich mich auch dass ich endlich wieder schwanger war aber diese Freude stand nie im Vordergrund. So viele andere Gefühle die so viel dominanter waren haben mein erstes Trimester bestimmt.

Wofür ich dankbar bin ist dass ich all diese Gefühle annehmen und akzeptieren konnte, dass obwohl mir jeder sagte ich müsse auch genießen ich selbst nie das Gefühl hatte dass es nicht ok ist wie ich mich fühlte. Ich habe mich oft verteidigt und versucht zu erklären wie es mir geht. Mich störte es wenn jmd fragte wie es Pietje geht. Was soll ich denn darauf antworten? Meine grösste Angst war die ganze Zeit dass das kleine Herzchen nicht mehr schlägt. Ich wusste nie wie es dem kleinen in meinem Bauch geht. Also was sagte ich? Manchmal dass ich es nicht weiß und dass ich hoffe dass alles gut ist. Manchmal wich ich der Frage aus und sagte dass ich denke dass das Baby gerade schwimmt. Tod oder lebendig dachte ich dann aber das sagte ich nicht. Fast nie, nur zu Rene. Rene war zum Glück immer viel positiver als ich, das tat mir gut. Er hatte natürlich auch Ängste, die ich verstärkte, aber seine Positivität färbte auch auf mich ab.

Natürlich hatte ich nicht nur Angst, es gab auch Momente in denen ich mich freute und in denen ich sicher war dass alles gut ist, zumindest für den Moment. Das war vor allem der Fall nach jedem Ultraschall den ich hatte. Ein paar Tage ging es mir dann gut und ich vertraute darauf dass alles gut ist. Aber dann musste ich wieder Wochen warten und ich googelte. Las darüber dass das Baby im Bauch sterben kann ohne dass ich sofort eine Fehlgeburt habe, sah YouTube Videos von Müttern die gerade die Diagnose bekamen dass ihr Baby schon seit 2 Wochen nicht mehr lebte. Warum YouTube mir solche Videos vorschlägt? Warum ich sie dann auch noch echt anklickte? Ich weiß es nicht... Aber es machte mir Angst. Im letztens Jahr ging doch immer alles schief, warum würde es jetzt auf einmal nicht schief gehen? Ich bereitete mich psychisch aufs Schlimmste vor um es verkraften zu können und hoffte gleichzeitig auf das Beste.

Menschen sagten mir so oft: Diesmal wird alles gut! Ich fühle es. Auch das machte mich wütend, wieso sagt man mir sowas? Hast du bei Joep gefühlt dass es nicht gut wird? Nicht mal ich als Mama habe das gefühlt, warum denkst du dass du jetzt auf einmal in die Zukunft schauen kannst? Was soll mir das geben? Es hilft mir nicht, ich ärgere mich nur über die Dummheit solcher Kommentare. (Ich weiß dass sie gut gemeint sind aber sie können mich nicht beruhigen, sie sind so naiv, ich kann diese Schwangerschaft einfach nicht mehr naiv sein und ich will auch nicht dass andere das sind) Niemand kann so etwas fühlen. Also sagte ich dass ich es hoffe, ich hoffe dass alles gut geht. Ich sagte dass wir es verdienen und jeder stimmte mir zu. Wir verdienen ein gesundes Kind. Wir verdienen dass das Glück zurück kehrt.

Am Ende des 1. Trimesters hatten wir noch einen Ultraschall. Ich hatte solche Angst weil ich in der Woche zuvor oft versucht habe den Herzton zu finden. Von der Schwangerschaft mit Joep hatte ich noch einen Angelsound und dieses Gerät war damals so toll für uns. Wir haben es so genossen Joeps Herz zu hören. Wenn ich es mal nicht finden konnte machte ich mir nie Sorgen, ich war so überzeugt davon dass alles gut war und es meine eigene Unwissenheit war die die Ursache war. Dann legte ich das Angelsound weg und war trotzdem die glückliche enthousiaste schwangere Imke, ich dachte mir das nächste mal vielleicht.

Dieses mal dachte ich also: Bei Joep hab ich das Herzchen um die 11 Wochen gehört, ich versuche es auch jetzt ich wollte es Rene hören lassen, ich wollte es hören, es genießen. Ich dachte noch zu wissen wie ich suchen muss aber ich fand nichts. Das erste mal machte ich mir wenig Sorgen, es wird wohl an mir liegen, es ist noch zu früh. 2-3 Tage später dachte ich dann dass es jetzt vielleicht doch klappen kann und ich versuchte es wieder, wieder in der Überzeugung dass es mir gut tun wird, ich freute mich richtig es endlich zu hören. Wieder fand ich nichts und 2 Tage später googelte ich dann ab wann andere denn das Herzchen hören konnten. Ich schaute Videos auf YouTube wo sie das Gerät ansetzen um den Herzschlag zu hören. Das war dann der Moment in dem mir ein Video vorgeschlagen wurde in dem eine Frau erfuhr dass ihr Baby gestorben ist, kein Herzschlag... Anfangs waren sie so glücklich, der Mann filmte nur um dann zu hören dass das Baby schon seit 2 Wochen tot ist. Also suchte ich das Herzchen wieder aber ich fand es nicht und das Video ging mir nicht mehr aus dem Kopf.  Ab jetzt war meine Angst grösser, nicht durch den Angelsound sondern durch das Video. Ich suchte alle 2-3 Tage aber das einzige was ich fand war ein Rauschen von dem ich hoffte dass es die Nabelschnur sein könnte. Es war ein statisches Rauschen ohne Herzschlag, es gab mir ein wenig vertrauen. Was soll den sonst so Rauschen? Ich gab es wieder auf, ich fand einfach keinen Herzschlag und wollte mich auch nicht verrückter machen als ich schon war, Ich suchte nie länger als 3-4 Minuten, nie öfter als 1 mal alle 2-3 Tagen.

Dann war es soweit. ich war 12,5 Wochen schwanger und ich hatte einen Ultraschall. Alles in mir sagte wenn es jetzt ok ist, dann kannst du endlich vertrauen. Dann ist die kritische Zeit offiziell vorbei. Ich lag auf der Liege und mein Herz schlug so heftig dass ich es in meinem ganzen Körper fühlte. Ich sah mein Baby, ich sah ein Herzchen schlagen und langsam wurde ich ruhiger. Ich wusste das ist das Ende meines ersten Trimesters. Die nächsten Tage wird es mir besser gehen. Ich werde weniger müde sein, ich werde mehr Vertrauen haben, mein Bauch wird wachsen. Und so war es auch (zumindest bis jetzt). Die Chance dass es jetzt noch schief geht liegt bei 1%. Viel mehr als die Wahrscheinlichkeit dass Joep nach der Geburt noch sterben würde aber 1% ist wenig und ich versuche es entspannt zu sehen. 1% ist (fast) nichts...

Abends gingen Rene und ich essen, ganz spontan weil wir zu müde waren zu kochen und außerdem hatten wir ja was zu feiern. Ich hatte ein Baby in meinem Bauch, etwas kleiner als eine Kiwi und heute wusste ich sicher dass es lebt! Im Restaurant sagte ich plötzlich zu Rene dass ich mich zum ersten mal seit mehr als einem Jahr für einen kurzen Moment wieder ein bisschen glücklich fühle. Auf einmal wurde es mir bewusst. Endlich war das eingetreten worauf ich so gehofft hatte bei dieser Schwangerschaft.

Diese Schwangerschaft bringt also doch ein wenig Glück zurück in unser Leben. Der Ultraschall war Freitag, heute ist Mittwoch. Bis jetzt habe ich den Angelsound nicht mehr benutzt. Ob ich ihn wieder benutze? Vielleicht! Aber nicht mehr aus Sorge, nicht mehr so früh in der Schwangerschaft.  Bei Joep benutzte ich es nur bis zu dem Tag an dem ich ihn fühlte, danach war der Kontakt so stark dass ich sein Herzchen nicht mehr brauchte um mich extra verbunden zu fühlen. Ab 16 Wochen fühlte ich ihn regelmäßig. Ich bin jetzt 13,5 Wochen schwanger. Ich hoffe dass ich die Geduld habe es nicht zu benutzen, oder dass wenn ich es benutzte ich zumindest das Herzchen finde (Und wenn das eintritt werde ich es öfter benutzen, der Herzschlag deines Kindes ist einfach das schönste Geräusch das ich mir vorstellen kann). Bis jetzt habe ich den Angelsound immer benutzt weil ich dachte: Wenn ich das Herzchen jetzt höre, dann geht es mir besser, dann kann ich mich vielleicht entspannen.... Ich muss dazu sagen dass meine Ängste die ich ja eh schon hatte nicht grösser wurden als ich  keinen Herzschlag fand. Wenn das so gewesen wäre hätte ich es nicht so regelmäßig versucht. Es war nicht schlecht für mich aber es gab mir halt auch nicht die Entwarnung die ich in dem Moment brauchte.

Jetzt bin ich also Anfang des 2. Trimesters und es geht mir besser. Ich bin weniger müde, habe etwas mehr Energie. Endlich glaube ich wieder an das was ich das ganze letzte Jahr schon wusste. Ein neues Baby ist die einzige Medizin, der einzige Weg wieder Glück in mein Leben zu bekommen. Und das tut Pietje jetzt auch, wir sind wieder ein kleines bisschen glücklich. Dieses Gefühl verändert die Gefühle der Traurigkeit nicht, die bleiben gleich, aber es gibt jetzt halt auch Momente die etwas besser sind. Kleine Momente, aber ich denke dass das in Zukunft immer mehr werden. Irgendwann werde ich wohl wieder sagen dass ich glücklich bin. Es wird nie wieder gut, Joep wird immer tot sein. Aber glücklich werden, das können wir schaffen, zusammen mit Joep in unserem Herzen und Pietje (hoffentlich) in unseren Armen.

Nach dem Ultraschall am Freitag ist mein Bauch dann auch wirklich explodiert. Von 0 auf schwanger in einem Tag. Verrückt wie schnell das ging! Ich habe Dienstags ein Foto gemacht aber Freitags war mein Bauch identisch. Das nächste Foto das ich gemacht habe war Montag, aber Sonntag war mein Bauch schon genauso rund.

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20.03.2017

Wann ist ein guter Moment um wieder schwanger zu werden nach dem Verlust seines Kindes?

Eine Frage die sich wohl alle Mamas und Papas stellen nachdem ihr Kind gestorben ist. Vor allem wenn es sich um einen Verlust eines Babys handelt. Der Kinderwunsch den man hatte ist nicht mit seinem Kind gestorben. Nein, bei mir wurde der Wunsch nur noch stärker. Jeden Tag schwirrte mir dieser Gedanke im Kopf, ich will Kinder. Ich kann nur glücklich werden wenn ich wieder Kinder habe.

Also flehte ich Rene an es wieder zu probieren. Rene wollte es nicht sofort wieder probieren, wollte noch ein bis zwei Monat länger warten aber ohne die Hoffnung konnte ich nicht leben und Rene stimmte ein, tat es für mich. Ich sagte mir dass mein Kopf einfach keine klare Entscheidung treffen kann, dass aber mein Körper entscheiden wird wann er ein gesundes Kind machen kann. Ich vertraute meinen Körper dass ich nicht schwanger werde bevor ich dazu auch wirklich bereit bin. Ja, das war sicher eine sehr naive Einstellung aber sie hat mir in dem Moment das Leben gerettet. Ich konnte etwas tun um wieder glücklich zu werden.

Während die Welt um mich herum sich nicht einmal traute darüber zu reden ob wir noch ein zweites Kind wollen oder nicht nagte der Gedanke jeden Tag in unseren Köpfen. Wieder schwanger werden, am liebsten gestern schon.

Es war eine Art Sucht nach Glück, am glücklichsten waren wir mit Joep und die einzige Art und Weise wieder Glück in unser Leben zu bekommen schien eine Schwangerschaft zu sein.  Wir wollten nichts lieber als wieder glücklich sein, Joep konnten wir nicht zurück haben, Joep wollten wir nie ersetzen, aber dieses Glücksgefühl, das wollten/brauchten wir in unserem Leben.

Wir probierten also schnell wieder schwanger zu werden, im nachhinein sage ich 100% ehrlich dass ich froh bin dass es nicht sofort geklappt hat! Es war dumm zu denken dass ich es könnte, wieder schwanger sein und trauern gleichzeitig. Es war naiv zu denken dass es mir innerhalb von einem Jahr gut genug geht um mich Vollzeit um ein Kind kümmern zu können und dabei auch noch eine gute Mutter zu sein. Ich hätte mich um das Kind kümmern können, diese Urkraft einer jeden Mama sorgt dafür dass wir das können, aber wie lange wäre das gut gegangen? Wie lange hätte ich mich auch um den Haushalt, mich selbst und meinen Mann kümmern können? Ich bin froh dass es nicht sofort geklappt hat, ich wäre überfordert gewesen und hätte mich wahrscheinlich schrecklich schuldig gegenüber Joep gefühlt weil er es doch verdient dass sich all meine Gedanken um ihn drehen. Wie soll das gehen mit einem neuen Baby im Haus? Ich konnte nicht einmal einen Film gucken ohne mich danach schuldig zu fühlen weil ich nicht an Joep gedacht hatte. Filme habe ich oft in 2 Etappen geguckt nur damit ich Zeit hatte an Joep zu denken.

Aber wann ist ein guter Moment es wieder zu probieren? Es gibt ein paar Dinge über die man nachdenken sollte bevor man sich entscheidet wieder schwanger zu werden.

1. Kannst du mit einem erneuten Verlust umgehen? Die Chance auf eine Fehlgeburt liegt bei ca. 30%. Die Natur kann nicht rechnen, die Natur interessiert es nicht dass dein Baby/Kind gerade gestorben ist und du schon einen Verlust zu verkraften hast. Die Chance dass es sehr früh schief geht ist hoch. Aber leider wissen wir nur zu gut dass es mehr Risikos gibt als eine Fehlgeburt. Auch ein Regenbogenkind kann wieder krank sein, kann wieder sterben. Schafft ihr noch einen Verlust? Seid ihr psychisch dazu in der Lage? Habt ihr einen Plan? Was macht ihr wenn es nochmal schief geht?

2. Ist dein Zyklus wieder regelmäßig? Es kann sein dass ihr plötzlich merkt dass ihr nicht mehr fruchtbar seid. Leider ist das nicht nur mir passiert. Wie geht ihr dann damit um? Hormone, IUI, IVF... So eine Kinderwunschbehandlung bringt Menschen ohne Verlust schon oft an den Rand ihrer Kräfte. Wie sieht das bei euch aus?  Schafft ihr das?

3. Denkt dein Partner über eine erneute Schwangerschaft genauso wie du? Ein Kind erzeugen nach einem solchen Verlust bedeutet geplanter Sex auf Timing und das obwohl Sex so oft das letzte ist worauf man Lust hat wenn es einem so schlecht geht. Aber es muss Tag x sein, ansonsten verschwendet ihr einen Monat und das ist auch keine Option, oder? Seid ihr beide bereit dieses Stress in eurem Leben zu zu lassen? Ich würde jedem empfehlen es nur zu probieren wenn beide Partner 100% hinter dem Plan stehen und es wollen.

4. Hattet ihr genug Zeit zu trauern? Nach meiner Erfahrung (und auch die von anderen Mamas mit denen ich Kontakt habe) dauert trauern viel länger als man sich vorstellen kann, wenn ihr es wieder versucht kann es gut sein dass ihr in 9 Monaten wieder ein Baby im Arm haltet, seid ihr dann auch sicher so weit? Neun Monate scheinen so lange zu dauern aber sie fliegen vorbei. Trauer bedeutet Stress für den Körper, Stress in einer Schwangerschaft sollte vermieden werden weil sie nicht gut fürs Baby ist.

5. Und wenn dann alles klappt, dann bedeutet eine erneute Schwangerschaft Stress und Erschöpfung. Arbeitet ihr wieder Vollzeit? Schaffst du es Arbeit und Schwangerschaft unter einen Hut zu bekommen? Auf einmal gibt es so viele neue Ängste und Sorgen die einen verrückt machen können. Wie wirst du damit umgehen? Ich machte mir nie unnötige Sorgen aber jetzt hatte ich im ersten Trimester oft Angst dass das Kind vielleicht gestorben sein könnte ohne dass ich er gemerkt habe. Wie gehst du mir solchen Ängsten um?

6. Es kann Monate dauern bis du wieder schwanger bist. Jeden Monat wieder steigt die Hoffnung die dann so jäh zerstört wird wenn es wieder nicht geklappt hat. Es ist schwer mit dieser Enttäuschung um zu gehen in Zeiten in denen doch sowieso alles schon so schlecht erscheint. Kannst du damit umgehen? Wenn nicht solltest du warten bis du es kannst. Jedes Mal wenn du deine Periode bekommst bedeutet dass nicht nur dass es nicht geklappt hat, es bedeutet auch dass ein neuer Zyklus begonnen hat, eine neue Chance auf eine Schwangerschaft.

7. Hast du dein Leben wieder weitestgehend im Griff? Wie sieht euer Haushalt aus? Schafft ihr es regelmäßig gesund zu kochen und leben? Schafft ihr es zu arbeiten, soziale Kontakte zu pflegen und euch um euch selbst zu kümmern? Erst wenn das alles langsam wieder läuft habt ihr genug Energie und eine gute Basis für eine Schwangerschaft.

8. Timing. Es kann sein dass euer Kind im gleichen Monat geboren wird wie euer verstorbenes Kind. Seid ihr dazu bereit? Seht ihr es als Geschenk vom verstorbenen Geschwisterchen oder wird es vielleicht zu schwer? Wollt ihr diesen Monat wirklich teilen? Oder wollt ihr lieber einen Monat warten? Außerdem wird die ganze Schwangerschaft dann sehr parallel laufen was sehr konfrontierend sein kann. Ich würde euch dazu raten es diesen Monat nicht zu versuchen weil ich von vielen anderen Mamas gehört habe wie schwer es sein kann wenn jeder auf dem Geburtstag deines verstorbenen Kindes fragt was er denn zum Geburtstag des Geschwisterchen kaufen soll. Der Februar gehört Joep und noch bin ich nicht bereit ihn zu teilen. Vielleicht dass mir das bei Kind Nummer 3 oder 4 nicht mehr so viel ausmacht, aber jetzt will ich es noch nicht.

Wenn ihr euch dazu entscheidet zu warten, dann will ich euch doch eins mit auf den Weg geben: Kontrolliert euren Zyklus, kennt euren Zyklus bevor ihr anfangt es zu probieren. Es macht das Schwanger werden einfacher und wenn etwas nicht in Ordnung ist wisst ihr das sofort und habt ihr sofort Hilfe wenn ihr es wieder probieren wollt. Mein Zyklus war plötzlich nicht mehr gut, ich konnte ohne Hormone nicht mehr schwanger werden, hatte keinen guten Eisprung, und das obwohl ich vor Joep nie Probleme hatte, im Gegenteil, bei Joep war ich innerhalb von 4 Monaten schwanger, es war der 1. Monat in dem wir aufs Timing geachtet haben. Ich bemerkte schnell dass mein Zyklus nicht ok war aber niemand wollte mir glauben und ich hatte nicht die Kraft mich durch zu setzen. 6 Monate nachdem Joep geboren wurde hatte ich dann Gewissheit. Ich kann nicht schwanger werden, nicht ohne Hilfe. Ich bekam alle Hilfe die ich brauchte, der 1. Monat mit Hormonen war mein Zyklus immer noch nicht gut, ab dem 2. hatte ich dann endlich Zyklen in denen wir eine Chance hatten. Im Dezember war ich dann endlich schwanger aber hatte eine Fehlgeburt. Im Januar wurde ich wieder schwanger, ganz ohne Hormone, und bis jetzt geht alles gut.

Für mich selbst war der Moment in dem ich wusste ich bin wirklich bereit wieder schwanger zu werden nach 7 Monaten gekommen. Nach 7 Monaten wusste ich sicher dass ich körperlich und psychisch in der Lage bin wieder schwanger zu werden. Bis dahin habe ich meinen Körper die Regie gegeben und ihm Vertraut. Ab diesem Moment wurde das nicht schwanger werden schwerer, denn mein Kopf schien zu wissen was mein Körper nicht akzeptieren wollte. Mein Zyklus war endlich stabil und trotzdem ging es mir nicht schnell genug. Ich weinte weil mein Leben so ungerecht war und verlor all mein Vertrauen, ich dachte ich könnte nicht mehr schwanger werden und das war sehr schwer für mich. Aber auch das hatte wohl wieder sein Gutes. Ohne Hoffnung machte ich mir auch keinen Stress mehr und war ich trotz Spritzen, mehreren Ultraschalluntersuchungen und Tabletten nicht mehr den ganzen Tag damit beschäftigt dass ich schwanger werden will. Und plötzlich ging es wie von selbst. Nach der Fehlgeburt hatte ich wieder vollstes Vertrauen in mich und meinen Körper und das hat sich gelohnt. Joep wird großer Bruder :)

NOCH 1 TIPP: So schwer es euch auch fällt, macht nicht den Fehler den ich gemacht habe. Ich habe mit jedem darüber geredet dass wir es wieder versuchen und jeden Monat fragten mich irgendwelche Menschen ob es denn schon geklappt hat. Gut gemeint aber auch so lästig. Man denkt gerade selbst nicht dran und dann wird man wieder gefragt. Und als ich schwanger war wollte ich es erstmal keinem erzählen aber Menschen wussten dass wir es versuchten also log ich sie an. Diesen Zyklus bekomme ich keine Hormone, es kann noch Wochen dauern bis ich meine Periode nach der Fehlgeburt bekomme meinte die Gynäkologin. Erst dann fangen wir wieder an mit Hormonen. Im Februar sagte ich dann jedem dass sich im Moment alles um Joep dreht und wir gar nicht an Babys machen denken.... Ich wollte noch nicht dass die Welt weiß dass ich schwanger bin weil ich es selbst noch nicht realisierte. Ich brauchte Zeit für mich, um mich an diesen Gedanken zu gewöhnen.

19.03.2017

Wird Joep bald grosser Bruder?

Im Moment sieht alles danach aus dass unser Wunsch im Oktober Wirklichkeit wird.

Etwas in mir weigert sich diesen Eintrag  'Joep wird grosser Bruder' zu nennen. Ich hoffe dass dieses Mal alles gut geht und dass wir im Oktober ein gesundes, vor allem aber lebendes Kind bekommen. In meinem Bauch wächst ein Geschwisterchen, Joep wird grosser Bruder aber das Vertrauen dass diesmal alles gut gehen kann muss noch wachsen, genau wie das Baby.

Ich freue mich über Pietje. So nennen wir das Baby bis wir wissen was es wird und es einen echten Namen bekommt. Pietje gibt mir Hoffnung dass wir es wirklich schaffen können, das wir wirklich wieder glücklich werden können.

Aber jetzt ist alles noch ganz frisch und komisch. Ich fühle mich noch nicht schwanger, ich fühle mich müde, kränklich, psychisch am Ende meiner Kräfte.

Anstatt dass jetzt alles einfacher wird ist alles schwerer geworden. Ich hatte so gehofft dass eine Schwangerschaft meine Welt etwas besser, mein Leben etwas einfacher macht aber die ersten Wochen war alles einfach nur extra schwer. Anstatt extra Freude in meinem Leben gibt es extra Ängste und Sorgen. Ich hatte gerade erst eine Fehlgeburt, Joep ist tot. Natürlich habe ich Angst, natürlich ist es schwer und traue ich mich nicht mich zu freuen. Ich war naiv, ich habe gehofft anstatt realistisch zu sein...

Ich traue mich nicht mich zu freuen. Manchmal freue ich mich kurz aber dann ist die Angst wieder da. Oft scheint die Schwangerschaft aus meinen Gedanken verdrängt zu sein, dann ist mir wieder übel oder hab ich Bauchweh und dann fällt es mir wieder ein. Dann schäme ich mich dass ich an dem Tag kaum an Pietje gedacht habe. Aber mein Kopf scheint mich schützen zu wollen... Wenn ich mich richtig drauf einlasse kann es wieder so weh tun.

Das alles ist okay für mich. Ich tue 100% was ich tun muss für Pietje. Ich schone mich, höre auf meinen Körper und langsam kommt die Neuigkeit auch in unseren Köpfen an. Wir bekommen wieder ein Kind. Und das Kind verdient dass ich mein bestes gebe, dieses Kind braucht jetzt noch nichts außer einer gesunden Mama. Und wenn ich erst genießen kann wenn Pietje in unseren Armen liegt ist das auch okay für mich. Diese Schwangerschaft muss ich nicht genießen, das einzige was ich von mir aus muss ist alles richtig machen, keine Risikos eingehen und offen sein für alles was kommt. Ich darf diese Schwangerschaft genießen, aber wenn ich es nicht kann, dann ist das okay.

Joep wird großer Bruder.
Ich bin jetzt 12 Wochen schwanger. Nach der Fehlgeburt im Dezember hat es sofort wieder geklappt. Ich habe im Januar keine Hormone für den Eisprung bekommen und trotzdem bin ich schwanger geworden. Wir hatten schon ein paar Untersuchungen und beim letzten Ultraschall konnten wir Pietje schon richtig erkennen, das Näschen ist deutlich zu sehen. Arme und Beine strampelten lustig vor sich hin. Aus dem kleinen Knubbel ist in nur 1 Monat ein kleiner Mensch geworden.

Es ist noch zu früh um über Ähnlichkeiten zu sprechen aber ich sah Joeps Beine und Nase... Rene sah es auch. Es sind halt Geschwister, wir sind sehr gespannt wie ähnlich sich die beiden sein werden. Und ob Joep einen Bruder oder eine Schwester bekommt.

Aber alles was ich will ist dass das Kind glücklich werden kann. Etwas was Joep nicht konnte...

Erst dann hoffe ich auf ein gesundes Kind. Erst dann hoffe ich dass es ein Junge ist so dass Joeps Kleidung endlich getragen werden  kann... Damit ich nicht alles ungetragen aus seiner Kommode holen muss um Platz zu machen für Mädchensachen. Erst dann hoffe ich dass Pietje klug und hübsch ist... All diese Sachen sind mir so egal. All diese Sachen waren mir so wichtig bei Joep.

Diese Schwangerschaft wird extra gut überwacht und ich habe das Gefühl im guten Händen zu sein. Das gibt eine innere Ruhe die wichtig für mich ist und ich hoffe dass ich Recht habe, dass wir wirklich in guten Händen sind. Dass Pietje alles bekommt was er/sie braucht... Dass Pietje glücklich werden kann. Die nächsten Untersuchungen werden sehr spannend, denn dann erfahren wir ob Pietje gesund ist. Aber so ganz sicher kann man sich nie sein...

Joep passt gut auf Pietje auf, da sind wir uns sicher. Joep ist sicher ein sehr stolzer grosser Bruder!

15.03.2017

13 Monate

Lieber Joep,

Heute ist wieder der 15. Zum 13. Mal seitdem du geboren wurdest. Was vor 13 Monaten anfing als der schönste Tag meines Lebens ist in den letzten Monaten zu einem besonderen Tag geworden. So anders als ich es mir vorgestellt habe.

Joep du solltest jetzt laufen können, Zähne habe, brabbeln, Mama und Papa sagen, du solltest alles essen und ich bin mir sicher dir hätte alles geschmeckt. Genau wie Papa. Du solltest spielen und lachen, ganz laut lachen und frech sein und ausstrahlen was du hättest werden sollen, dass du der glücklichste kleine Junge auf der Welt bist.

Aber all das hast du nicht gelernt, all das konnten wir dir nicht zeigen. Statt dessen hast du gelernt Regenbögen zu machen und uns Zeichen zu schicken.

Und du hast uns so viel beigebracht. Mama und Papa wussten nicht Mal was Trauer bedeutet, dass es wohl nur ein anderes Wort für unendliche Liebe ist. Denn unendliche Liebe, die hast du uns gezeigt.

Im letzten Jahr haben wir so viel gelernt Schatz! So viel über Trauer und Verlust und Eltern sein von einem Kind das gestorben ist. Wir haben gelernt dass alle Gefühle okay sind, auch wenn sie uns erschrecken weil sie eigentlich nicht zu uns passen. Wir haben gelernt dass wir uns nicht verstellen müssen und weinen dürfen wann und wo wir wollen. Ich habe gelernt dass es egal ist was die anderen denken. Sollen sie doch denken, keiner der mich sieht denk dass du tot bist.

13 Monate Joep, das bedeutet dass ich dich schon fast 13 Monate lang vermisse und das tut weh. Noch immer, jeden Tag.

Auch heute bin ich an deinem Grab. Der 15. ist ein wichtiger Tag, ich habe noch keinen verpasst. Sogar den Urlaub hab ich dieses Jahr so gebucht dass ich am 15. hier sein kann, an deinem Grab sitzen kann.

Joep wir lieben dich, für immer und immer!

08.03.2017

Ja Imke, du redest gerne darüber aber da ist ja jeder anders...

Heute war es wieder soweit, ich weiss nicht wie oft ich es im letzten Jahr gehört habe...

Wenn ich erzähle dass es mich verletzt wenn Leute tun als ob es nie passiert ist, als ob alles noch OK und beim alten ist, dann bekomme ich immer die gleiche Antwort. Jeder scheint vollstes Verständnis für die Menschen zu haben die mir aus purem Egoismus und Mangel an Charakter weh tun. Ja ich sage Egoismus denn das ist es für mich, all die Menschen die sich für den leichten Weg entscheiden und das nur weil es für sie einfacher ist. Was ist es denn wenn es kein Egoismus ist? Sie haben Angst mich weinen zu sehen, Angst vor dem Blick in meine Seele, davor den Schmerz zu sehen und dadurch kurz einen Hauch von dem zu erleben womit ich doch jeden Tag lebe... Und ich finde es egoistisch denn ich muss jeden Tag mit diesem Gefühl leben und diese Menschen machen es für mich schlimmer anstatt mir zu helfen indem sie aufrichtig fragen wie es mir geht und mich erzählen lassen. Das schlimmste Gefühl dass man mir geben kann ist dass Joep nicht dazu gehört... Wenn jemand ihn verschweigt und dem Thema ausweicht, dass bricht es mein Mutterherz. Wetten diese Menschen hätten alle wohl nach Joep gefragt wenn er leben würde denke ich dann, aber jetzt tun sie als ob es nie passiert ist.

Und JEDER scheint so ein Verständnis für sie zu haben, jeder scheint das Gefühl zu haben mir erklären zu müssen warum sie so sind und immer und immer wieder erkläre ich dass ihre Ansicht falsch ist. Dass die Menschen es eben nicht nur gut meinen und darum nichts sagen. Wenn sie es gut mit mir meinen würden dann würden sie mich fragen was ich will und was ich brauche und danach handeln.

Heute war es wieder so weit, eine Frau mit der ich vorher nie über Joep geredet habe (und auch heute fragte sie nicht nach Joep als ich erzählte dass ich es schwer finde Menschen das erste Mal wieder zu sehen, vor allem Menschen die mich verletzt haben indem sie sich nicht meldeten nachdem Joep gestorben ist... Nein es ging innerhalb von wenigen Minuten nur noch um ihre Probleme und die ja so viel schlimmer sind...  Da kann ich mir nur an den Kopf fassen, wie kannst DU MIR sagen du hast nichts mehr obwohl du doch ein gesundes Kind hast...) erklärte mir also warum Menschen so reagieren, warum sie nichts sagen.

Ja Imke, du redest gerne darüber aber da ist ja auch jeder anders. Andere reden nicht gerne darüber, die Menschen wissen einfach nicht was richtig ist. Und da war es dann, ich war die ganze Zeit schon so frustriert von ihrer Ignoranz aber das war mir zu viel.... Ich kenne KEINE Mutter die nicht über ihr verstorbenes Kind reden will. Keine Mutter habe ich je mit so viel Liebe und Stolz über ihre Kinder reden hören wie uns. Die Liebe und der Stolz ist alles was wir noch haben und das strahlen wir auch aus.

Aber warum bilden sich Menschen ein wir wollten nicht darüber reden? Warum? Weil die meisten Menschen einfach sozial total unfähig sind und ihr unfähiges Verhalten hiermit versuchen zu entschuldigen.

Aber ich akzeptiere es einfach nicht mehr. Nein ihr habt Unrecht. Mir weh zu tun wo doch alles schon so weh tut... Wie könnt ihr es wagen? Auf jemandem der am Boden liegt tritt man nicht ein.

Warum kann sich die Menschheit nicht einfach 5% mehr Mühe geben um sich ein zu leben... Aber das ist zu viel verlangt.

Immer denken alle es zu verstehen. Auch das wurde mir zu oft gesagt... Ich verstehe dich so gut Imke. Nein du verstehst nichts, NICHTS! Manchmal wünschte ich mir dass die ganze Welt mitmachen muss was ich mitmache, einfach damit Menschen mich verstehen. Würde jeder Mensch einmal im Leben diesen Schmerz fühlen, nur für eine Woche... Mein Leben wäre einfacher weil man mich verstehen würde.

Ich rechtfertige mich jetzt seit einem Jahr und langsam werde ich müde. Es frustriert mich. Ich will die Welt verbessern und es jedem erklären. Aber die Frau heute wollte mir ja nicht mal zuhören, sie hörte nicht was ich sagte... Und es macht mich sauer und er verletzt mich aber gleichzeitig habe ich auch Mitleid mit ihr. Wenn eine Scheidung für sie schlimmer ist als dass Joep tot ist... Dann denke ich doch sie hat ganz andere Probleme. Mit so einer Einstellung hätte ich es nicht geschafft heute zu sein wo ich bin.... Wenn sie wirklich denkt dass sie nichts mehr hat nur weil sie geschieden ist, ich kann es nicht nach vollziehen.

Und noch etwas: Wenn ich weine will ich nicht dass ihr fragt ob wir das Thema wechseln sollen, und schon gar nicht dass ihr es trotzdem einfach wechselt wenn ich nein sage.  Lasst mich um Joep weinen so viel ich will und wann ich will. Manchmal überfällt es mich und muss es raus. Joep verdient jede Träne und jedes Lächeln und jeden Gedanken!

Hoffentlich konnte ich meiner Frustration hiermit ein wenig Luft machen...

28.02.2017

Traum

Ich träume nicht oft über Joep aber diese Nacht habe ich wieder über ihn geträumt und wie immer will ich diesen Traum nicht vergessen, es sind viel zu wenig Träume.

Letzte Woche träumte ich schon einmal über den Friedhof und Beerdigungen aber als ich aufwachte wusste ich schon nicht mehr was ich genau geträumt habe.

Diese Nacht find der Traum wieder so unsinnig an aber dan Ende war schön.

Joep lag im sterben, wir waren in dem Zimmer in dem er starb, er hatte seine Klamotten an die er an hatte, alles war schwarz weiß, wie auf den Fotos die wir von dem Tag haben. Ich war den ganzen Traum nur Zuschauer, jemand gab Joep ganz schnell hintereinander Klapse auf den Po, ich wurde böse, viel zu schnell, viel zu fest. Joep ist fast tot, er fühlt fast nichts mehr aber er verdient Liebe und Zärtlichkeit und keine Grobheit, es war nicht lustig, warum tat er das? Jemand anders nahm Joep und legte ihn auf seinen Bauch, Joep öffnete die Augen und ich sah dass sein Gesicht gar nicht so geschwollen war wie es war. Joep war einfach wunderschön und irgendwie hatte es ihn aufgeweckt, all die Schläge auf seinen Po. Ab hier wird der Traum schöner, alles hat auch Farbe. Joep wird mit in ein Wohnzimmer genommen, er sitzt auf der Hüfte des Mannes und ist plötzlich ca 1 Jahr alt, Joep guckte aufgeweckt durch die Gegend. Er hatte blondes, dickes und gewelltes Haar. Meine Zuschauerrolle im Traum störte mich nicht mehr, es war wie ein ganz normaler Tag an dem Joep rumgereicht wird und jeder freute sich mit ihm zu spielen und ihn fest zu halten. Er sah Rene ähnlich, sah aber seinen Babyfotos nicht mehr so ähnlich. Dennoch erkannte ich ihn sofort. Natürlich würde ich meinen Sohn immer und überall erkennen. Joep sah so gesund aus. Irgendetwas in mir sagte dass er noch immer sterben muss, um sein Leben kämpft aber er sah so gesund und munter aus.

Dann war der Traum vorbei. Ich wachte auf und war froh dass ich von Joep träumen durfte, ich frage es ihn abends so oft: Lieber Joep, komm Mama und Papa heute im Traum besuchen.


27.02.2017

Joeps Grabstein

Lange, sehr lange haben wir darüber nachgedacht was für einen Grabstein wir für Joep wollten. Als Joep gerade drei Wochen tot war waren wir das erste und einzige mal in einem Grabsteingeschäft. Uns gefiel nur ein Stein aber irgendwie gefiel er uns nicht gut genug um ihn auch zu bestellen oder die nächsten Monate noch einmal gucken zu gehen. Es war ein Standard-stein und der Gedanke dass ein anderes Kind den gleichen Stein hat wie Joep, das gefiel mir irgendwie nicht.

Mit der Zeit kamen immer mal wieder Gedanken an den Stein und relativ schnell wusste ich dass ich daran mitarbeiten wollte. Spontan wollte ich zu einem Steinhauer und habe ich mir auf YouTube Videos angeschaut wie man Steine bearbeitet aber ich hatte Angst: was wenn es kein schöner Stein wird? Was wenn ich es nicht perfekt mache? Also wollte ich es lieber zusammen mit jemandem machen aber zu diesem Zeitpunkt konnte ich niemanden suchen der das machen würde. Von Joep zu erzählen kann so unfassbar weh tun, dann ist es so echt also wartete ich. Etwas sagte mir die richtige Idee wird dich finden, Joep wird uns zeigen was zu ihm passt.

Ich wusste noch nicht was ich wollte, Rene wusste es auch noch nicht. Der Schmetterling gefiel uns gut, aber auch eine Kombination aus Stein und Glas gefiel uns gut. Wir hatten keine Eile denn Joeps Grab sah immer wunderschön aus und ich habe es das ganze Jahr mit Liebe versorgt.

Irgendwann waren wir auf einem Straßenfest und wir liefen bis zum letzten Stand auf einer kleinen Seitenstraße (sowas machen wir eigentlich nie, aber etwas 'rief' mich). Wir entdeckten einen Mosaik-stand und ich dachte ein Stein mit Joeps namen drauf wäre schön. Ich dachte noch gar nicht an einen Grabstein, es sollte einfach ein kleiner Stein werden der hübsch da liegt bis wir einen Grabstein haben. Ich fragte die Frau ob sie auch etwas für uns machen kann und sie meinte dass wir das am besten zusammen machen können. Wir liefen nach Hause und da hatte ich das erste mal die Idee: Ein ganzer Grabstein aus Mosaik! Ich googelte sofort und natürlich war ich nicht die erste mit der Idee. Ich googelte zuerst nur zur Inspiration, die Frau vom Stand wohnte nur zwei Strassen weiter und ich wollte es gern mit ihr machen. Aber nachdem ich einmal bei ihr war hatte ich plötzlich kein gutes Gefühl mehr dabei. Meine Angst dass der Stein bei ihr nicht perfekt wird war wieder da und Joeps Stein sollte/musste doch perfekt werden.

Mittlerweile war August und seit Monaten wussten wir das wir einen Mosaikstein wollten. Jetzt hatte ich wieder die Energie mich hiermit zu beschäftigen und ich vereinbarte einen Termin mit einer Frau die professionele Grabsteine aus Mosaik macht. Ihr Atelier war nicht weit weg, nur eine halbe Stunde mit dem Auto. Es war Hochsommer und ich sass Sabina gegenüber und erzählte ihr unsere Geschichte, erzählte von Joep. Ich fühlte mich sofort gut aufgehoben und ernst genommen und zum ersten mal hatte ich das Gefühl dass ich  jemanden gefunden habe der mit uns einen perfekten Stein machen kann.

Das entwerfen dauerte Monate, es kam von beiden Seiten. Sabina ist eine echte Künstlerin die wie es sich gehört auch schon mal etwas verplant. Rene und ich entpuppten uns als richtige Controlefreaks und haben den Grabstein nachher großenteils selbst entworfen. Die Form des Steins haben wir mit Sabina zusammen entschieden und auch einen ersten Entwurf wie der Stein aussehen könnte haben wir zusammen in ihrem Atelier gemacht. Wir wollten den letzten Feinschliff selbst in Photoshop machen und haben dann zuhause in Photoshop den Entwurf nochmal komplett auf den Kopf gestellt. Zusammen mit Rene, Sabina, und meinen Freundinnen Coco und Christin haben wir den Stein entworfen und waren erst zufrieden als der Stein perfekt war. Nach Monaten war es dann im Dezember so weit! Der Entwurf stand, wirklich jeder Centimeter des Grabsteins hat eine Bedeutung und über alles haben wir nachgedacht. Zeitig zu seinem Geburtstag sollte Joep einen Grabstein haben.

Wir haben auch mit dem Mosaik des Grabsteins geholfen, den Mond haben wir (bis aus die Aussenlinien) selbst gelegt und darauf sind wir wirklich Stolz! Sowieso sind wir sehr stolz auf den Entwurf. Der Grabstein ist einfach perfekt und passt perfekt zu uns und Joep.

Joep war wunderschön und jetzt hat er auch ein wunderschönes Grab, er verdient ein wunderschönes Grab. Es macht mich glücklich wenn ich daran denke dass Menschen vorbei laufen und kurz stehen bleiben um sich diesen einzigartigen Stein an zu schauen!

Es hat lange gedauert bis Joep seinen Grabstein bekommen hat aber für uns hat sich das Warten gelohnt. Wir brauchten diese Zeit um unsere Kreativität wieder zu finden. Perfektion braucht Zeit!

Danke Sabina dass du so viel Geduld mit uns hattest und dass du einen wirklich perfekten Stein für uns gemacht hast! Es ist wirklich der schönste Grabstein den wir je gesehen haben! http://www.gedenkmozaiek.nl/


Ein perfekter Grabstein für ein perfektes Baby

Regenbogen: Als Joep in unseren Armen um sein Leben kämpfte war da genau vor unseren Krankenhausfenster ein wunderschöner kompletter Regenbogen. Ich sagte ihm dass das seine Leiter in den Himmel sei, seitdem ist der Regenbogen Joeps Zeichen.
Joep als Sonne: Joep is unser Sonnenschein, unser Stolz und jeder Sonnenstrahl der auf unsere Haut fällt und uns wärmt erinnert uns an unseren Sonnenschein.
Wolken: Wir sagen oft dass Joep auf einer Wolke sitzt und uns zuguckt.
Schrift: Alles geschriebene ist in meiner Handschrift geschrieben
Tag und Nacht: Wir denken IMMER an Joep, jeden Tag und jede Nacht
Mond und Sterne: ein schöner Sternenhimmel erinnert uns immer an Joep. Oft gucken wir nachts aus dem Fenster und wenn die Sternen dann so hübsch scheinen fühlt es sich an als ob Joep uns ganz nah ist.
Fußabdrücke: Joeps Fußabdrücke sind auf dem Grabstein, die Form stimmt und sie sind genau 8 cm lang. 
Katze: Joeps kleine Stoffkatze musste auf auf den Grabstein kommen, sie gehört echt zu Joep, er hat immer mit ihr gekuschelt.
Stern mit Schrift: Mama und Papa lieben dich - mehr Worte brauchen wir nicht. 

21.02.2017

Deine 1. Geburtstagsfeier

Lieber Joep,

jetzt bist du schon 1 Jahr alt. Noch bist du kein Jahr tot aber der Tag kommt immer näher. Du konntest nur so kurz bei uns sein!

Aber wir wollen nicht nur Traurig sein, du hast uns auch so viel Glück, Stolz und Liebe gegeben wofür wir dir so dankbar sind!

Sonntag haben wir deinen Geburtstag gefeiert, zusammen mit deiner Familie und ein paar Freunden. Weil unsere Familien gross sind waren wir 27 Personen und das obwohl auch ein paar Leute krank waren.

Um 1 Uhr hatten Mama und Papa alles vorbereitet, es gab Torte und Nuss-ecken, Chips, Brot, Käse, Getränke und Luftballons, ganz viele Luftballons! Es sah so hübsch aus mit al den Ballons im Wohnzimmer, hast du das gesehen? Den ganzen Morgen hat es geregnet und ich hatte dich gebeten um um 1 Uhr die Sonne scheinen zu lassen damit es schön an deinem Grab ist und das hast du getan. Die Sonne strahlte vom Himmel genau auf dein Grab als wir da waren und danach hat es den ganzen Tag nicht mehr geregnet.

Alle Gäste kamen und haben dir Nachrichten geschrieben, auf die gleichen Kärtchen wie zu deiner Beerdigung. Davon hatten wir noch ganz viele zuhause und jetzt konnten sie endlich benutzt werden. Wir haben sie an die Luftballons gehangen und sie dir alle in den Himmel geschickt!

Wir sind alle zusammen mit den Luftballons in der Hand zu deinem Grab gelaufen, es ist nicht weit weg von uns zuhause, es sah wirklich hübsch aus mit al den Leuten und den Ballons. An deinem Grab haben wir sie zusammen fliegen lassen und erst sah es so aus als ob es alle Ballons schaffen und nicht im Baum hängen bleiben aber dann gab es einen Windstoß und die Hälfte der Ballons landete doch im Baum, genau wie auf deiner Beerdigung. Irgendwie musste es ja so sein, du hast dich bestimmt krumm gelacht auf deiner Wolke weil es dir gelungen ist die Ballons in den Baum zu lenken.

Du hast auch jede Menge Geschenke bekommen, Blumen, Stofftiere, Gestecke und bemalte Steine. Dein Grab ist jetzt noch hübscher als es eh schon war! Als wir an deinem Grab ankamen war der grosse Ballon den wir dir gekauft haben weg. Scheinbar konntest du nicht warten und wolltest ihn sofort im Himmel haben und hast ihn so lange im Wind drehen lassen bis es sich losgerissen hat.

Zuhause haben wir dann die Torten gegessen und Kaffee getrunken. Was hätten wir diesen Geburtstag gerne mit dir zusammen gefeiert Schatz... Es hätte so anders sein müssen aber wir haben versucht deinen Geburtstag so zu planen wie wir es auch gemacht hätten würdest du noch leben. Nur deinen Namen haben wir öfter geschrieben und Papa wollte keinen Girlanden aber es war eindeutig ein Kindergeburtstag mit vielen Kindern die genauso alt sind wie du.


 








16.02.2017

Dein erster Geburtstag

Gestern war dein erster Geburtstag Joep. Ein Tag der so anders hätte sein sollen, ein Tag den ich mir bevor du gestorben bist so anders vorgestellt habe. Ich wollte einen cakesmash mit dir machen. Das hätte dir sicher so gut gefallen, seine Hände in die Torte und die Sahne hauen und alles versauen. Ich wollte deinen Geburtstag feiern, mit deinen kleinen Freunden und Neffen und Nichten. Alles hätte einfach so anders sein müssen.

Gestern morgen um 5 Uhr hättest du 1 Jahr alt werden sollen:

1 Jahr
52 Wochen 
365 Tage
8760 Stunden
525'600 Minuten
31'536'000 Sekunden

Aber du du bist nicht älter als 8 Tage geworden, die Zeit steht nicht still, die Uhren ticken weiter. 

0.0239726 Jahre
1,25 Wochen 
8,75 Tage
210 Stunden
12'600 Minuten
756'000 Sekunden

210 Stunden die du gelebt hast und in denen du uns so viel gegeben hast. 210 Stunden scheint so viel aber es ist doch so wenig. Viel zu wenig und niemals werde ich Frieden damit haben dass du nur 8 Tage alt werden konntest. Niemals werde ich denken dass das das beste für dich war. Sie hätten sehen müssen dass du krank warst, dann würdest du noch leben und ein kleiner gesunder Junge sein. Das wäre das beste für dich und uns gewesen.

Gestern früh wurden wir wach und die Sonne schien auf unser Bett. Das war so schön, es war richtig warm und es fühlte sich an als ob du uns sagst dass es ok wird, dass wir diesen Tag zusammen durchstehen. Mama und Papa waren nicht arbeiten also konnten wir liegen bleiben. Papa wollte gerne schnell zu deinem Grab um deinen Grabstein endlich selbst zu sehen. Als du ihn vorgestern bekommen hast da war Papa arbeiten und er war erst spät zuhause weil er einen Kurs geben musste. Wir sind also losgefahren um Erde und Steine für dein Grab zu kaufen damit es für deinen Geburtstag auch wirklich perfekt ist.

Dann haben wir dein Grab hübsch gemacht und es ist wirklich das schönste Grab von allen lieber Joep. Du hast so ein wunderschönes Grab, genau so schön wie du es warst! Und all deine Zeichen die du uns gezeigt hast sind in deinem Grabstein verarbeitet. 

Bis dahin ging es uns relativ ok. Lieber Joep du hast sogar Geschenke bekommen. Coco hatte am 14. abends eine kleine Pflanze mitgebracht und auch Christin war am 14 abends bei dir um dir ein Kuscheltier zu bringen dass 2 Blumen festhält. Von uns hast du einen schönen Ballon bekommen, es ist der gleiche Ballon den du auch zu deiner Geburt hattest. Damals stand nur 'Joep' auf dem Ballon. Diesmal steht da 'Joepie 1 jaar'. Du hattest Geburtstag. Du bist 1 Jahr alt, aber du bist nicht gewachsen, du konntest nicht bei uns sein. Das einzige was wachsen konnte ist unsere Liebe zu dir, in unseren Herzen wächst du immer weiter!

Wir denken jeden Tag noch immer so oft an dich aber gestern ertappte ich mich dabei das selbst an dich denken nicht genug war. In meinem Kopf sang ich ein Lied für dich aber ich musste mehr an dich denken also dachte ich immer wieder Joep Joep Joep Joep Joep. Gestern drehte sich alles um dich, wir konnten an nichts anderes denken als an dich!

Nachdem wir von Grab nach Hause kamen war es vorbei mit der Energie und dem gut gehen. Mama ist erkältet und war so müde dass sie ins Bett gegangen ist und Mittags ein wenig geschlafen hat. Das mache ich normal nie aber gestern brauchte ich es. Als ich wach wurde hatten wir Post, aber nicht nur

für uns gab es Post, nein, da waren auch 3 Briefe an dich adressiert und das war so schön zu sehen! Wir bekamen 5 Karten (eine davon sogar schon um 6 Uhr morgens, zusammen mit Kinderschokolade die wir sofort aufgegessen haben) und du hast auch noch mehr Geschenke bekommen. Elisabeth hatte Stofftiere für dich gemacht die so hübsch sind! Margriet hat die Ballons aus Holz geschickt. Heute morgen habe ich dir 1 Stofftier (natürlich die Katze) und die Ballons ans Grab gebracht. Dein Grab war noch immer so wunderschön wie gestern und es tat mir gut zu sehen wie hübsch alles war.

Lieber Joep gestern haben so viele Menschen an dich gedacht. So viele Menschen haben Mama und Papa Nachrichten geschickt und es tat uns so gut zu sehen dass du nicht vergessen wurdest. Es kam sogar aus total unerwarteten Ecken, eine Karte von einer Kollegin die ich schon ewig nicht mehr gesehen habe, eine Email von einer Frau die mit Mama im Schangerschafts Yoga war und wovon Mama wirklich nicht mehr weiß wer sie ist aber es war so lieb dass sogar sie an dich dachte. Aber auch viele Menschen, Menschen von denen ich eine Nachricht erwartet hätte haben sich nicht gemeldet (oder manche erst so spät dass Mama schon geschlafen hat) und das tat mir gestern sehr weh. Es fühlt sich an als ob sie dich vergessen haben, ich weiß dass niemand dich vergessen hat, wie sollte man dich vergessen... Aber dass sie sich nicht mal die Mühe machen sich zu melden an deinem Geburtstag und sei es nicht um dir zu gratulieren sondern um uns zu sagen dass sie an uns denken weil sie doch wissen müssen wie schwer es für uns ist...

Papa sagt ich solle nicht zu viel von diesen Menschen erwarten und ich hätte es besser wissen sollen aber ich kann nichts dagegen tun, es fühlt sich an als ob sie dir Unrecht antun und das bricht mein Mamaherz. Würdest du noch leben dann hätten sie sich ganz sicher gemeldet.

Sonntag kommen ein paar von diesen Menschen auf deine Geburtstagsfeier kleiner Schatz, sie haben dich nicht vergessen... Mama weiß das, aber Mama hat es momentan so schwer und sollte jetzt wirklich nicht noch extra verletzt werden durch so etwas... Papa hat Recht, wenn ich nichts von Menschen erwarte dann werde ich auch nicht verletzt aber du bist mein ein und alles und ich will so gerne dass du das auch für andere bist und man uns das zeigt.

Es gibt wirklich nichts dass mir so gut tut wie wenn ich sehe dass jemand an deinem Grab war oder dir etwas mitbringt weil ich dann sehe dass Menschen dich nicht vergessen haben und sie sich ein wenig Mühe gemacht haben für dich. 

Mama und Papa werden dich immer lieben kleiner Mann, wir werden immer an dich denken, dich nie vergessen, das verspreche ich dir! Deine Geschwister werden wissen wer du bist, wir werden ihnen erzählen was für einen tollen grossen Bruder sie haben und sie werden dich kennen und deine Zeichen zu deuten wissen!

Sonntag feiern wir deinen Geburtstag richtig lieber Joep. Mit Familie und Freunden und Torte und Ballons. Ich hoffe dass dir dein Erdenfest genauso gut gefällt wie dein Himmelfest gestern und dass du auch dann die Sonne für uns scheinen lässt!

02.02.2017

Youtube

Seit einiger Zeit spiele ich mit dem Gedanken einen eigenen Youtube Kanal zu machen um über mein Leben zu berichten. Ich will gerne über Joep und unser Leben berichten. Meine Idee ist, dass was ich hier aufschreibe auch vor der Kamera zu erzählen. Es ist persönlicher und ich habe das Gefühl, dass ich mehr Menschen, die auf der Suche sind nach diesen Geschichten, bewusst erreiche. Heutzutage sucht man doch alles zuerst auf Youtube. Ich gucke mir lieber Videos an als zu lesen.

Nachdem Joep gestorben ist, habe ich auf Youtube nach vergleichbaren Geschichten gesucht aber ich konnte nur sehr wenige finden. Ich fand viele Videos mit Fotos von Kindern die gestorben sind, ein trauriges Lied im Hintergrund aber man erfuhr nicht wirklich was passiert ist. Man lernte die Eltern nicht kennen und vor allen Dingen erfuhr ich nicht wie die Eltern mit diesem Verlust umgegangen sind. Ich war auf der Suche nach dem Weg zurück ins Glück. Ich suchte online, in Blogs, im Bekanntenkreis, auf Youtube, in Büchern und ich suchte in TV-Sendungen. Aber ich fand niemanden der sagte: Ich bin wieder glücklich und ich habe es so und so geschafft um wieder glücklich zu werden. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man wieder positiv und glücklich werden kann und ich sah immer und überall nur den Schmerz. Ich fand es auch so logisch. Man wird interviewt und beschäftigt sich in dem Moment wieder so bewusst mit dem Schmerz. Wie sollte ich den Schmerz nicht in ihren Gesichtern sehen oder zwischen den Zeilen lesen?

Ich hoffe, dass ich mit meinem Kanal etwas geben kann was ich selbst vermisste. Vielleicht gibt es ja irgendwo jemanden, dem das genauso geht und dem ich helfen kann. Ich hab Joep versprochen zu helfen und helfen tut mir gut, es gibt mir Energie. Ich höre von anderen Sternenmamas mit denen ich persönlichen Kontakt habe, dass ich das kann, dass ich ihnen immer helfe und die richtigen Worte finde.

Ich habe gestern die ersten Videos gedreht. Dieses Wochenende will ich sie schneiden und online stellen. Ich fange an Videos in zwei Sprachen zu drehen, weil ich mich nicht entscheiden kann ob ich es auf Deutsch oder Niederländisch machen soll. Ich kann mich nicht entscheiden nur einer Gruppe zu helfen und darum habe ich erstmal zwei Kanäle gemacht. 'Sternenmama' und 'sterrenmama'. Die Zeit wird zeigen wie ich weiter mache, wo ich mehr clicks bekomme, wo ich mehr Menschen helfen kann, wie viel Energie es mich kostet und wie lange ich durchhalte um Youtube neben meiner Arbeit und meinem Leben zu machen.

29.01.2017

Schwangere in meiner Umgebung

Seitdem Joep tot ist wollte ich eigentlich vor allem eins nicht mehr sehen: Schwangere!
Sie erinnern mich so sehr an meine glücklichste Zeit und es tut mir so weh sie zu sehen. Diese glücklichen Gesichter, diese Naivität die ich auch hatte. So etwas passiert mir doch nicht.

Jeder dicke Bauch den ich sehe versetzt mir einen Stich ins Herz, erinnert mich an alles was ich hatte und jetzt so schmerzlich vermisse, erinnert mich an meine leeren Hände. Jedes mal wenn mir wieder jemand erzählt dass sie/er Mama/Papa wird dann weiß ich nicht wie ich reagieren soll. Ich kann mich nicht freuen, denn in diesem Moment werde ich an meinem schlimmsten Schmerz erinnert. In dem Moment weiß ich, dass diese Menschen bald haben werden, was ich doch schon lange haben sollte.

Ständig laufe ich mit dieser Angst rum, was wenn XY schwanger ist? Ich schaue ganz genau hin, raucht diese Person noch? Trinkt diese Person noch? Jemand zieht um, grössere Wohnung. Es wird Hals über Kopf geheiratet. Dann ist das erste was ich denke: "Was wenn sie schwanger ist?" Und ja, irgendwie sind all die Leute dann auch tatsächlich schwanger. Sobald ich dieses Vorgefühl habe, dauert es nicht mehr lange und ich bekomme diese "glückliche Neuigkeit" präsentiert.

Seit meiner Fehlgeburt habe ich schon von 5 Leuten gehört dass sie schwanger sind. Seit Joep gestorben ist noch von viel mehr... Es ist natürlich mein Alter, Menschen in meinem Umfeld sind ungefähr gleich alt und haben die gleichen Pläne wie wir. Ich kann es niemandem verbieten, aber in mir ist dieses Gefühl gegen das ich nichts tun kann: 'Das nächste Kind sollte meins sein, ich verdiene es am aller meisten.'

Immer bin ich so erleichtert wenn ich von jemandem höre, dass ich mir um sie keine Gedanken machen muss, dass sie es noch nicht probieren. Wieder eine Sorge weniger. Manchmal frage ich Menschen: Bitte sag mir Bescheid sobald du es versuchst, damit ich mich darauf einstellen kann, damit es mich nicht überrascht.

Ich hoffe dass das irgendwann leichter wird, dass ich mich wohl freuen kann wenn mir jemand erzählt, dass sie ein Kind erwarten, dass ich einem dicken Bauch nicht mehr aus dem Weg gehen muss weil er mir zu weh tut und schlecht für mich ist. Ich gehe allen Schwangeren aus dem Weg, ich kann es einfach nicht, ich will es nicht. Ich will nicht daran denken, dass sie bekommen was ich so vermisse. Es tut einfach zu weh.

Dazu kommt noch, dass ich von vielen Schwangeren denke, dass sie es nicht gut genug machen, dass sie es nicht genug zu schätzen wissen. Dann werde ich böse: Warum freust du dich nicht genug? Verstehst du nicht was für ein Wunder das ist? Warum gehst du Risikos ein? Warum weißt du nicht, dass du keine Salami essen darfst? Warum färbst du dir die Haare? Solltest du nicht weniger arbeiten? Ist das nicht zu schwer zum tragen? Seid ihr nicht gerade erst ein paar Monate zusammen? 

Keine Schwangere kann es richtig machen, dass weiß ich. Sie können mir ja auch nicht unter die Nase reiben wie glücklich sie darüber sind, das wäre auch schrecklich. Aber es nicht zu zeigen hilft mir auch nicht. Ich habe mir während Joeps Schwangerschaft auch 1 mal Highlights färben lassen. Ich wusste anfangs auch nicht, dass ich keine Salami essen darf. Ich habe bis zum Schluss mehr als 4 kg getragen. Aber mit meinem Wissen von jetzt, würde ich die Risikos nicht mehr eingehen. Ich weiß genau, dass ich nicht fair bin. Es passt auch gar nicht zu dem wie ich früher war, aber mein Kopf kann meine Gefühle nicht besiegen. Ich sage die richtigen Dinge, versuche meinen Schmerz nicht zu deutlich zu zeigen, aber irgendwann geht es nicht mehr und dann sage ich es wohl, dass ich Abstand brauche und hoffe, dass ich niemanden verletzte. Natürlich weiß ich dass niemand schwanger geworden ist um mich zu verletzten. Um so mehr schätze ich die Menschen, die es mir früh erzählen, am liebsten noch bevor ich es ahnte. Es via via zu hören ist richtig scheiße, aber der Vorteil hieran ist, dass ich diesen Menschen jetzt einfach ganz aus dem Weg gehen kann und tun kann, als ob es nicht so ist. Wenn sie zu Feige waren es mir zu erzählen und ich es ihnen nicht Wert bin es mir ins Gesicht zu sagen, dann muss ich mich auch nicht schämen, wenn ich nicht an sie denke.

Verrückter Weise gibt es dann auch die Menschen für die ich mich wohl freuen kann, denen ich es sehr schnell gönnen kann. Es sind die Menschen die mir nicht das Gefühl geben, dass Kinder kriegen selbstverständlich ist und die verstehen wie besonders es ist schwanger sein zu dürfen. Es sind die Menschen von denen ich sofort denke: Ihr werdet so gute Eltern, ihr würdet alles für dieses Kind tun. Aber es sind die wenigsten die dieses Gefühl in mir verursachen.

Jedes Mal wenn ich höre, dass es ein Mädchen wird bin ich so erleichtert! "Wenigstens kein Junge" denke ich dann. Der nächste Junge, vielleicht ist das ja meiner...
Ich hoffe, dass es einfacher wird wenn ich selbst wieder einen dicken Bauch habe. Ich hoffe, dass ich mich dann mit anderen Schwangeren treffen kann und es genießen kann sie in meiner Umgebung zu haben. Wenn ich erstmal wieder ein Kind im Arm halte und es hoffentlich gesund mit nach Hause nehme, dann hoffe ich, dass mir die dicken Bäuche nicht mehr so weh tun werden. Die Zukunft wird es hoffentlich zeigen...

26.01.2017

Erinnerungsstofftier - Eine Katze aus Joeps Jäckchen



Der hübsche Lars mit Mama und Papa
Vor Monaten habe ich die Mama von Lars kennen gelernt. Lars ist genau wie Joep nur eine Woche alt geworden. Bei der Geburt hatte er einen schweren Sauerstoffmangel erlitten, der sein Gehirn auf die schlimmste Art und Weise beschädigt hat. Genau wie bei Joep wurde entschieden, dass die Behandlung beendet wird und Lars nicht leben darf. Er hätte niemals glücklich werden können. Lars war ein wunderschöner Junge und seine Eltern vermissen ihn schrecklich.

Irgendwann hatte Margriet, die Mama von Lars, die Idee, aus seiner Kleidung ein Stofftier zu machen, um so mit seinen Sachen kuscheln zu können. Ein Stofftier lässt sich einfach viel besser kuscheln als ein Strampler. Zusammen mit ihrer Mama macht sie jetzt auch Stofftiere für andere Mamas, um ihnen so ein wenig Trost spenden zu können.

Auch für mich hat sie ein Stofftier gemacht: eine Katze, die gleichzeitig eine Spieluhr ist und 'you are my sunshine' spielt wenn man am Schwanz zieht. Irgendwann wird diese Katze im Bett von Joeps Geschwisterchen sitzen und dann wird 'Joep' für seine Geschwisterchen 'singen'. Und bis es soweit ist, wird sie bei mir im Schlafzimmer leben. Ich habe die Katze noch nicht abgeholt, ich möchte sie gerne persönlich abholen, darum kann ich leider noch kein Foto posten, aber ich habe ein Video gesehen und ich bin wirklich total begeistert!

Ich habe 2 Jäckchen ausgewählt die Joep leider nie anhatte. Zufällig hatte ich die Jacke die Joep anhatte auch noch eine Nummer grösser und in einer anderen Farbe. Diese Jacke habe ich ausgewählt für diese Spieluhr. Die zweite Jacke passte vom Material perfekt dazu und ich wollte gern ein grosses Stofftier, darum habe ich mich für diese Kombination entschieden. Die Jacke, die Joep anhatte und die man auch auf seinen Fotos sieht, konnte ich nicht verarbeiten lassen. Sie ist einfach noch viel zu wichtig für mich. Aber ich habe so viel Kleidung für ihn gekauft und in jedem Stück steckt so viel Liebe, dass es wirklich nicht einfach war mich zu entscheiden. Das Kleidungsstück durfte nicht zu besonders, aber trotzdem besonders sein.

Margriet hat seit diesem Monat einen Onlineshop, den sie nach Lars benannt hat: LoveLars. Hier kann man aus verschiedenen Erinnerungsstofftieren (herinneringsknuffel) wählen und dann die Kleidung, aus der man das Stofftier machen lassen will, mit der Post zu ihr schicken. Zusammen mit ihrer Mama wird dann mit viel Respekt und Liebe die Kleidung in ein Erinnerungsstofftier verwandelt und mit der Post zurück nach Hause geschickt. Hier seht ihr die Katze die aus Joeps Jacken gemacht wurde: https://www.lovelars.nl/a-47144105/herinneringsknuffels/herinneringsknuffel-groot-met-muziekdoosje/

Ich finde diese Idee so toll, dass ich sie auch hier teilen möchte. Vielleicht liest dies ja irgendjemand hier, für den es genau das Richtige ist und der gerne so eine Erinnerung braucht/möchte. Margriet meinte, dass sie auch Aufträge aus Deutschland annehmen würde: Hauptsache sie kann anderen Mamas, Papas und Geschwistern etwas Trost bieten.

Margriet, wat ben je toch een topper! Ik ben oprecht trots op je en heel blij en dankbaar dat ik je mocht leren kennen. Je bent een inspiratie en steun voor mij en hopelijk veel andere sterrenmamas. Ik weet zeker dat Lars weer lekker aan het opscheppen is op zijn wolkje en heel erg trots op je is.

Sternenmama

Lange wusste ich nicht wie man mich eigentlich nennt. Verwaiste Mutter? Aber was wenn ich wieder Kinder habe, halbverwaiste Mama? Irgendwie ist es nicht richtig. Eine Zeit lang habe ich mich selbst auch trauernde Mama genannt, irgendwie passte das für eine Zeit lang, aber mittlerweile ist meine Trauer abgeschwächt. Ich bin noch sehr traurig, aber die tiefe Trauer in der ich steckte hat sich verändert und ich kann mich doch nicht ewig trauernde Mama nennen? Irgendwann werde ich mit Freude und Liebe an Joep denken und irgendwann wird die Traurigkeit weniger werden. Es gibt kein richtiges Wort für mich und das fand ich lange schwierig.

Wir erkläre ich es anderen Menschen? Ich sage immer mein Sohn ist gestorben. Worte die unfassbar weh tun, aber ich habe mich daran gewöhnt. Wäre mein Mann gestorben, hätte ich das nicht so sagen müssen. Ich hätte die Wahl gehabt und auch sagen können, dass ich Witwe bin. Wären meine Eltern gestorben, wäre ich eine Waise. Aber wenn dein Kind stirbt, dann gibt es kein richtiges Wort und erstrecht keins, dass anerkannt und bekannt ist. Und das fühlt sich falsch an - Warum gibt es für uns kein Wort? Weil es zu schlimm ist? Weil es nicht schlimm genug ist? Warum hat sich nie jemand die Mühe gemacht ein Wort zu etablieren für Eltern die ihr Kind/ihre Kinder verloren haben.

Und diese Woche habe ich dann ein Wort gefunden, dass wohl zu mir passt: Sternenmama/Sterneneltern. Ich habe es mir selbst ausgedacht und dann gedacht, dass könnte was sein. Also habe ich es gegoogelt und scheinbar war ich nicht die Erste mit diesem Gedanken. Es gibt mehr Mamas, die sich Sternenmama nennen. Ich denke immer an Joep wenn ich Sterne sehe und darum passt es so gut. Außerdem habe ich den Begriff Sternenkind schon oft gehört, dann ist es doch nur logisch, dass die Mama eines Sternenkindes eine Sternenmama ist.

Ich bin also eine Sternenmama! Mein Leben als Sternenmama muss ich noch lernen zu meistern, aber es klappt immer besser. 

22.01.2017

Hausarzt und Psychologen

Eine der größten Enttäuschungen nach Joeps Tod war wohl unser Hausarzt. Während der Schwangerschaft sind wir umgezogen und wir hatten auch einen neuen Hausarzt, den wir noch nicht gut kannten.

Sobald ich wusste das Joep sterben würde, rief ich ihn an, weil ich einen Termin mit einem Psychologen wollte. Ich wollte und brauchte Hilfe, dass wusste ich, ich war mir ganz sicher. Allein konnte und wollte ich das nicht und ich wollte alle Hilfe annehmen und suchen die ich kriegen konnte.

Aber schon am Telefon sagte er mir, dass ich keinen Psychologen bräuchte. Ich musste ihn überzeugen und es fühlte sich nicht richtig an. Warum wollte er mir nicht einfach helfen? Gerade er war doch dafür zuständig mir das Leben ein wenig leichter zu machen - wenn er es konnte. Joep war noch bei mir, lebte noch, also hatte ich die Kraft mich durchzusetzen. Noch war ich stark und noch konnte ich alles!

Kurz nachdem Joep gestorben ist, ist er bei uns zuhause vorbei gekommen. Das hatte er selbst vorgeschlagen und wir dachten, dass das eine gute Idee sei. Aber als er dann da war, wurde das Gefühl das wir bei ihm hatten nur noch schlechter. Joep war gerade ein paar Tage beerdigt und er sagte zu mir: "Am besten kannst du sofort wieder schwanger werden".

Rene und ich dachten wir hören nicht richtig. Was um alles in der Welt sagt dieser Mann, der auf  meiner Couch sitzt, gerade? Rene und ich hatten einen starken Kinderwunsch. Sofort nach Joeps Geburt dachte ich, wie schön es wäre das nächste Kind sofort mit nach Hause zu nehmen. Wir wollten wieder Kinder, ja. Aber er tatso, als ob wir Joep so mir nichts dir nichts ersetzen konnten und wir wussten beide, dass das einfach falsch ist. Wir fragten ihn, ob das denn nicht schlecht fürs Kind sei? Sofort wieder schwanger zu werden? In unserer tiefen Trauer? So kurz nach einer Geburt? Nein nein, das sei das beste für alle. Wir wussten sofort, dass es Unsinn ist und nicht stimmte. Wir wussten sofort, dass wir einen neuen Hausarzt brauchten, aber die Energie einen zu suchen hatten wir nicht.

Ein paar Tage später sagte meine Hebamme mir, als wir hiervon erzählten, dass sie immer allen rät ein halbes Jahr zu warten, weil der Körper erst dann nach der Geburt wieder alle Vitaminvorräte auffüllen muss und erst dann einem Baby wieder alles geben kann was es braucht. Außerdem sei Trauer schlecht fürs Kind, denn Trauer ist für den Körper Stress, auch wenn es sich nicht so anfühlt.

Ich musste den Hausarzt fast zwingen mir einen Termin mit der Psychologin zu machen, aber er tat es. Leider war auch der Termin mit der Psychologin, die mit ihm zusammen arbeitet, sehr enttäuschend. Sie war jung und hatte keine Erfahrung mit unserer Situation, das war uns ganz schnell klar. Sie arbeitete eine Liste ab, die sie wahrscheinlich immer abarbeitet. Trinken wir? Nehmen wir Drogen? Wir fühlten uns nicht am richtigen Ort, nicht gut aufgehoben. Sie stellte Fragen die uns nicht helfen konnten, im Gegenzug konnte sie aber keine meiner Fragen beantworten, sagte mir immer nur, dass das bei jedem anders sei und dass sie es auch nicht weiß. Wir vereinbarten einen 2. Termin, ich wollte ihr noch eine Chance geben, aber eigentlich wusste ich sofort, dass das nichts wird. Ich befand mich jedoch in einem Ausnahmezustand und vertraute mir selbst nicht, also wollte ich es noch einmal probieren. Das nächste Gespräch war viel besser, sie hatte sich scheinbar informiert, aber für uns war der Zug abgefahren. Ich wollte nicht mehr zu ihr und wir machten keinen neuen Termin.

Irgendwann zwischen diesen beiden Terminen bei der Psychologin, meldete sich eine Kollegin mit der ich immer einen guten Kontakt hatte und wollte wissen wie es uns jetzt ginge. Sie erzählte von einer Freundin ihrer Mutter, die in dem Krankenhaus arbeitete in dem Joep geboren wurde und deren Job es ist, Mamas wie mich zu betreuen. Sie ist eine psychiatrische Krankenschwester. Ich ging zu meinem Hausarzt, weil ich eine Überweisung haben wollte, aber er stellte mir keine aus. Er sagte ich sollte selbst im Krankenhaus anrufen und wenn sie eine Überweisung bräuchten, dann könnte ich mich nochmal melden. Also rief ich im Krankenhaus an, ich bekam eine Dame die an der Rezeption arbeitet. Ich sagte ihr dass ich einen Termin bei dieser Frau wolle und sie fragte warum. Also erzählte ich weinend dass mein Sohn vor 2 Wochen gestorben ist und ich Hilfe brauche und ich ihren Namen von einer Freundin bekommen habe und dass mein Hausarzt mir keine Überweisung schreiben wollte und ich nicht wusste was ich tun soll. Sie regelte alles für mich und am nächsten Tag hatte ich einen Termin. Aber da ich keine Überweisung hatte war das nur eine Ausnahme. Ich verstand das System nicht, aber ich durfte nur 3 mal mit ihr sprechen, obwohl ich ihre Hilfe wirklich nötig gehabt hätte. Leider hatte ich nicht die Energie um mich durchzusetzen oder etwas zu regeln. Ich akzeptierte es so wie es war und dachte mir: Dann nicht, wenn du mir nicht helfen willst, brauche ich dich auch nicht. Ironischerweise darf ich jetzt, wo ich nicht schwanger werden kann, so viele Termine bei ihr machen wie ich will. Jetzt brauche ich sie wirklich nicht mehr.

Ich nahm es meinem Hausarzt sehr übel, dass er sich weigerte für mich einen Termin zu machen. Er hätte mir mit einem Anruf viel ersparen können. Ich fand es unheimlich schwer selbst anzurufen und alles zu regeln. Ich finde, dass es seine Aufgabe als Hausarzt gewesen wäre mir mein Leben etwas einfacher zu machen, wenn er es doch so einfach konnte, stattdessen machte er es mir schwerer.

Meine Hebamme sagte ein paar mal, dass ich mir eine Trauerpsychologin suchen solle, aber ich hatte keine Energie mehr. Überleben kostete all meine Energie und etwas so komplexes wie eine Psychologin zu finden die auf Trauer spezialisiert ist, schaffte ich einfach nicht. Außerdem dachte ich, ich bräuchte sie nicht, wo mich doch bist jetzt jeder enttäuscht hatte. Ich würde es auch alleine schaffen sagte ich mir. Sie schlug es mir immer wieder vor bis sie mir eine Adresse aufschrieb, die sie rausgesucht hatte und meinte ich hätte nichts zu verlieren. Diesmal tat ich was sie sagte und nahm Kontakt auf mit der Frau. Ich denke die Tatsache, dass ich ihr eine Mail schreiben konnte machte es für mich viel einfacher den Kontakt zu suchen, anrufen war einfach nicht drin. Leider war sie gar keinen Trauerpsychologin für Erwachsene sondern eine für Kinder. Aber sie hat mir schließlich jemanden in der Nähe gesucht und zu ihr gehe ich heute noch in regelmäßigen Abständen. Anfangs ging ich alle 2 - 3 Wochen, mittlerweile geht es mir besser und ich gehe nur noch alle 2-3 Monate. Wirklich helfen im Sinne von einer Therapie konnte sie mir nicht (Ich habe auch nie darum gebeten und finde auch, dass das nicht nötig ist. Ich bin nicht krank, Trauer is keine Krankheit die therapiert werden muss), aber mir ihr zu reden tat mir immer gut. Mit ihr konnte ich Situationen besprechen, die mir im Alltag schwer fielen und sie dachte mit, bestätigte oft meine Gedanken. Von ihr konnte ich annehmen wenn sie sagte, dass ich es wirklich alles gut mache, dass meine Trauer gesund ist und ich mir keine Sorgen machen muss. Das konnte ich sonst von niemandem, was wissen denn meine Eltern, Schwestern, Schwiegerfamilie, Freunde, Kollegen oder die Nachbarn? Die haben nie ihr Kind nach 8 traumatischen Tagen verloren. Meiner Trauerpsychologin glaubte ich und das gab mir eine Art innere Ruhe, die Gewissheit, dass ich es wirklich gut mache, diese Bestätigung hatte ich lange gesucht aber vorher nicht gefunden.

Ich suchte mir einen neuen Hausarzt, nach wenigen Wochen schon. Ich nahm den Hausarzt, bei dem ich mich via Email anmelden konnte. Anrufen und erklären was los war konnte ich einfach noch nicht. Ich bekam seine Adresse von der Psychologin, zu der ich nur 2 mal gegangen bin. Mein neuer Hausarzt war sehr mitfühlend und wir hatten anfangs fast jede Woche einen Termin um zu reden was uns/mir gut tat. Mittlerweile ist er in Rente gegangen und habe ich wieder eine neue Hausärztin. Sie scheint ganz okay zu sein, aber um ehrlich zu sein, kenne ich sie kaum. Ich war nur bei ihr wegen meines Zyklusses und habe eigentlich sofort verlangt, dass sie mir eine Überweisung ins Krankenhaus schreibt, damit ich endlich untersucht werden konnte. Denn der alte Hausarzt, der in Rente gegangen ist, wollte mir nicht glauben, dass mein Zyklus wirklich schlecht ist, dass ich nicht schwanger werden konnte. Er sagte alles sei normal, es käme durch die Geburt und die Trauer. Im Krankenhaus halfen sie mir nach Wochen Wartezeit dann endlich und gaben mir Recht. Mein Zyklus war so schlecht, dass ich nicht schwanger werden konnte. Aber das habe ich alles in einem anderen Bericht beschrieben der um unseren Kinderwunsch geht.

21.01.2017

Mein Gehirn filtert den Schmerz aus meinen Erinnerungen

Es fällt mir immer wieder auf. Wenn ich zurück denke an die letzten Monate, ja sogar fast das ganze letzte Jahr, dann merke ich dass ich mich nicht an dem Schmerz erinnern kann wie er war. Mein Gehirn scheint ihn ab zu schwächen um mich zu beschützen.

Ich erinnere mich an die Situationen in denen ich kurz lachen konnte, auch kurz nach Joeps Tod, ich erinnere mich an die Scherze und muss wieder lächeln. Ich erinnere mich nicht mehr dass ich an diesem Tag auch unfassbar traurig war oder weinte. Ich weiß dass es so war, denn ich weinte jeden Tag. Jeden Tag empfinde ich den Schmerz des Vermissens und der Trauer aber das Gefühl des Schmerzes ändert sich und mein Gehirn vergisst wie er sich all die Monate anfühlte.

Ich kann mich nicht erinnern wie unfassbar weh es tat, ich weiß es ganz genau, der Schmerz war so unerträglich dass ich lieber nicht mehr leben wollte aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern wie es sich wirklich anfühlte. Es ist verrückt. Ich erinnere mich wohl noch ganz genau an den Stolz den ich immer für Joep fühlte und noch immer fühle, der hat sich auch nicht verändert. Ich bin so unglaublich stolz auf meinen kleinen starken hübschen Jungen. Ich erinnere mich so gut an die Liebe die ich fühlte als er noch da war und jetzt während ich das schreibe steigen mir Tränen in die Augen weil ich die Liebe so deutlich fühle, weil es die schönsten Momente meines Lebens waren.

Wahrscheinlich sollte ich froh und dankbar sein dass ich mich nicht mehr richtig an diesen Schmerz erinnere. Auch der Schmerz den ich heute noch fühle ist so viel schlimmer als alles was ich jemals vor Joep gefühlt habe. Aber irgendwie fühlt es sich auch an als ob mein Kopf mir ein Stück von Joep wegnimmt das doch so zu ihm gehört.

Meine Liebe die ich empfinde fließt in allen Tränen die ich weine. Traurigkeit ist ein Teil von mir geworden, es gehört so sehr zu mir dass mein Kopf es scheinbar nicht mehr für wichtig hält dass ich mich richtig daran erinnere. Traurigkeit ist eine Art neue Eigenschaft die mir von Joep geblieben ist, sie gehört zu meinem neuen Ich, sie ist immer da, auch wenn ich lache, auch wenn ich nicht bewusst an sie denke.

Vielleicht filtert mein Gehirn auch weil es auf dem Weg in die Zukunft ist. Irgendwann werde ich an Joep denken und glücklich lächeln voller Dankbarkeit und Liebe weil ich seine Mama sein darf. Dann werde ich Liebe empfinden und wird die Liebe in meinem Lächeln stecken anstatt in meinen Tränen. Dann werde ich wieder glücklich sein und wird Joep Teil meines Glückes sein.

20.01.2017

Eine Hand auf meiner Schulter

Oft sagen die Leute zu mir: "Ich weiß nicht was ich sagen soll" wenn ich das erste mal erzähle dass Joep gestorben ist. Ich sehe jedem immer an dass sie sich erschrecken, egal ob es Menschen sind die selbst Kinder haben oder nicht, in erster Instanz erschreckt sich jeder.

Nach einiger Zeit merke ich allerdings das Menschen ganz unterschiedlich reagieren. Manche Menschen können sich besser einleben als andere. Menschen mit Kindern in der Regel besser als Menschen ohne weil sie wissen was wir vermissen. Wenn jemand selbst keine Kinder hat kann er nicht wissen wie sehr man sein Kind liebt, wie stark die Liebe ist die ich nicht geben kann.

Niemand weiß was er sagen soll weil es nichts gibt das man sagen kann. Niemand kann etwas sagen das meinen Schmerz weg nimmt. Aber kleine Gesten sagen oft genug.

Auf der Arbeit passiert es öfter dass ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter spüre, ein kleiner Moment. Jemand läuft vorbei, oft sagen sie kein Wort, aber es ist diese kurze Berührung die mir sagt: "Ich denke an dich und Joep, ich weiß dass es dir nicht gut geht. Ich finde es tapfer dass du hier sitzt und arbeitest und versuchst dein Leben wieder auf zu bauen." Die erste Hand auf meiner Schulter war wirklich etwas besonderes, ich habe nie gedacht dass so eine kleine Berührung, so eine kleine Aufmerksamkeit, so gut tun kann. Seitdem gibt es das immer wieder, von vielen verschiedenen Menschen ohne dass ich je gesagt habe wie angenehm ich es finde.

Ich brauche keine grossen Worte, der Schmerz in den Augen der anderen wenn ich weine, oder die Hand auf meiner Schulter sind mehr als genug. Es reicht mir wenn ich spüre/höre das jemand an mich denkt, dann muss er nichts großes sagen.

Solange man mir das Gefühl gibt dass ich über Joep reden darf wenn ich das gerne möchte, mehr kann man für mich nicht tun. Das chinesische Zeichen für zuhören ist so passend und beschreibt alles was ich von meinem Gegenüber brauche:

Afbeeldingsresultaat voor chinees symbol listen


Ich bin so dankbar für jede Hand auf meiner Schulter.